StZ - 05.08.2014

Blicke aus aller Welt richten sich auf das MuSeele
 
Das Psychiatriemuseum der Klinik Christophsbad besteht seit zehn Jahren. Es hat eine Erfolgsgeschichte geschrieben. Deshalb ist der Rat der Museumsmacher weithin gefragt, sogar in Argentinien und Australien
von Sabine Riker

Göppingen Als Ideengeber für das Psychiatriemuseum MuSeele in der Göppinger Klinik Christophsbad sieht er sich nicht. 'Das lag in der Luft', sagt Rolf Brüggemann, Psychologe und Leiter des MuSeele. Die Einrichtung, die in Fachkreisen mittlerweile europaweit zu Bekanntheit gelangt ist, feiert in diesem Jahr ihren zehnten Geburtstag.

Leider sei das Interesse der Göppinger am MuSeele nicht besonders groß, bedauert Rolf Brüggemann. Dennoch hätten in den vergangenen zehn Jahren 25 000 Besucher den Weg in das Dachgeschoss des Alten Badhauses auf dem Gelände des Chris­tophsbads gefunden, wo das MuSeele untergebracht ist. Und wer erst einmal da gewesen sei, sei begeistert und komme immer wieder. 'Viele erleben das MuSeele als anregend und sehr berührend', berichtet Rolf Brüggemann.

Dass ein psychiatrisches Krankenhaus seiner Vergangenheit und der kritischen Reflexion darüber einen Platz einräumt, ist keineswegs selbstverständlich. 'Es gibt auch Kliniken, die haben Angst vor der ­Aufarbeitung ihrer Geschichte. Das ist hier ­anders. Wir wurden vom damaligen Geschäftsführer und ärztlichen Direktor Burkhard Krauß unterstützt, und es wurden uns Räume zur Verfügung gestellt.' Uns - das sind sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Christophsbads, die vor 14 Jahren einen Arbeitskreis bildeten, um anlässlich des damals bevorstehenden 150-Jahr-Jubiläums des Christophsbads zu überlegen, wie ein Psychiatriemuseum aussehen könnte. Vier lange Jahre hat es von der Idee bis zur Verwirklichung des MuSeele gedauert, das den ehrgeizigen Anspruch hat, die Sinne zu schärfen für die Frage, was das wohl ist - die Seele.

'Im MuSeele kann man an vielen Stellen direkt die Seele spüren, etwa wenn man in die Gesichter ehemaliger Patienten blickt', sagt Brüggemann. Er sei davon überzeugt, dass diese interaktive Konzeption auch der Schlüssel zum Erfolg sei. 'Wenn wir nur lokalhistorische Bezüge gesetzt und uns ausschließlich auf die kranke Seele festgelegt hätten, wäre das sehr popelig geblieben.' Stolz macht ihn besonders, dass auch Museumsfachleute dem MuSeele gute Noten geben. 'Wir kommen alle von der Psychiatrie und sind keine Museumsexperten. Inzwischen haben wir natürlich viel gelernt.'

Die Museumsmacher, hinter denen mittlerweile 100 Mitglieder des Vereins MuSeele stehen, haben sich ihren offenen Blick bewahrt. Sie haben ein europaweites Netz der Psychiatriemuseen geknüpft - in diesem Zusammenhang ist auch ein Buch entstanden -, sie veranstalten Tagungen über psychiatriegeschichtliche Themen, und sie sind als Berater gefragt. So haben die Göppinger MuSeele-Leute eine Ausstellung zum 100-jährigen Bestehen der psychiatrischen Klinik in Tübingen konzipiert. Sogar eine Institution aus dem südamerikanischen Argentinien suchte Rat in Göppingen, und erst jüngst schaute sich eine Australierin die Dauerausstellung im Christophsbad an, um sich Anregungen für ein australisches Psychiatriemuseum zu holen. 'Diese Frau ist extra nach Göppingen gekommen, um das MuSeele zu besuchen', sagt Brüggemann.

Da die Arbeit seit der Eröffnung des Museums enorm zugenommen hat, ist Brüggemann im vergangenen Jahr für das Museum freigestellt worden. Zuvor hatte er das MuSeele nebenher gemanagt. Er sei froh, dass er nun mehr Zeit für die Aufgaben als Museumsleiter habe, denn das MuSeele sei eine Erfolgsstory, die weitergehen müsse. Das aber sei nur auf professioneller Basis möglich. Geplant ist deshalb auch, einen wissenschaftlichen Mitarbeiter einzustellen. Außerdem soll die Einrichtung mehr Platz bekommen. 'Wir brauchen dringend Räume zur Vorbereitung von Ausstellungen.' Brüggemann selbst kann schon bald in ein eigenes Büro umziehen. Noch logiert er in einer Dachkammer.

Es gibt auch viele Pläne für weitere Aktivitäten. Ein Projekt ist eine Ausstellung über die sogenannten Kettenmenschen. In den Dörfern Westafrikas werden psychisch kranke Menschen wie Tiere an die Kette gelegt. Das MuSeele wolle den Blick auf das Leid der kranken Menschen lenken - in der Hoffnung, etwas zu bewirken, und auch, um an die dunklen Kapitel der deutschen Psychiatriehistorie zu erinnern.

Offenheit pflegt das MuSeele auch gegenüber den Patienten. Sie sind eingebunden - etwa ein Drittel der Vereinsmitglieder sind Betroffene -, und sie können, wenn sie wollen, Arbeiten im MuSeele übernehmen. 'Wir wollten nie ein Museum sein, das nur über Kranke redet. Wir wollten mit den Kranken sein, das spüren die Patienten', sagt Brüggemann.



Treffen der Psychiatriemuseen - 28.06.2014

...WIRST DU EIN ANDERER...

Im Rahmen der Veranstaltungen zum 200. Geburstag des Christophsbads-Gründers Heinrich Landerer veranstaltenten das Klinikum Christophsbad und das MuSeele eine

Fachtagung zur Geschichte der rehabilitativen Psychiatrie & Treffen der Psychiatriemuseen.

Der Einladung folgten gut 70 Interessenten. Als Medizinhistoriker, Psychiater und Psychologen thematisierten am Freitag sechs Referenten die Aspekte der rehabilitativen Psychiatrie in aktuellen wie historischen Bezügen und hinterfragten die gesundheitspolitischen Implikationen. Die fachliche Leitung lag bei Priv.-Doz. Dr. Leo Hermle, Ärztlicher Direktor und Dr. Thomas Müller, Leiter des Bereichs Geschichte der Medizin am ZfP Südwürttemberg.

Am Treffen der deutschsprachigen Psychiatriemuseen am Samstag beteiligten sich 16 Einrichtungen von Schleswig bis Bern. Sie stellten ihre Museen und Gedenkstätten kurz vor und disktuierten in Arbeitskreisen über Kooperationsmöglichkeiten und Tipps zur Öffentlichkeitsarbeit. Es ergaben sich dabei viele neue Projekte der musealen Präsentaiton psychiatrischer Themen.

Programm im Flyer

NWZ - 05.05.2014

Psychiatriemuseen - Ein Reiseführer der Seele
von Dr. Sandra Thurner
Rolf Brüggemann und Gisela Schmid-Krebs haben ein Buch über die europäischen Psychiatriemuseen verfasst. Der Band "Verortungen der Seele" hat zu einer nachhaltigen Vernetzung geführt.
Die beiden Autoren Rolf Brüggemann und Gisela Schmid-Krebs haben mit ihrem Psychiatriebuch quasi seelisches Neuland betreten. 60 Psychiatriemuseen in Europa wurden von den beiden Autoren innerhalb von drei Jahren besucht. Es wurde recherchiert, dokumentiert, reflektiert und es wurden neue Kontakte geknüpft. 2003, zur Zeit der Planung des "MuSeele", des Psychiatriemuseums im Christophsbad, wollte man sich kundig machen, wie andere ein solches Museum gestalten. Die antreibende Frage war zunächst "Was können wir von den anderen Psychiatriemuseen lernen?".
Es sei überwältigend gewesen, welcher Erfahrungsschatz den beiden Autoren auf ihren Reisen begegnet sei, berichtet der Psychologe und Leiter des "MuSeele", Rolf Brüggemann. Eine begleitende Dokumentation habe sich von der Sache her nahezu aufgedrängt. Die Idee war auf zahlreichen Reisen in die über ganz Europa verstreuten Psychiatrien entstanden. Ein Nebeneffekt, der in seiner Wirkung nicht zu vernachlässigen ist, sei die europaweite Vernetzung, die von diesem Projekt ausging, erzählt der Autor. Hier nehme das Buch "Verortungen der Seele" ohne Frage eine "Türöffnerfunktion" ein.
Wenn man das Buch öffnet, dann sticht die klare Gliederung ins Auge: Neben Psychiatriemuseen wurden Gedenkstätten der NS-Euthanasie, Locations mit "Kunst der anderen Art" - etwa der Tarot-Garten von Niki de Saint Phalle - und Orte unter der Überschrift "Anderenorts" beschrieben. Dabei handelt es sich um Orte, die neben den Psychiatriemuseen ebenfalls auf unmittelbare Weise mit dem Thema Seele zusammenhängen.
"Das Kapitel über die NS-Gedenkstätten, das schwärzeste Kapitel der Psychiatriegeschichte, wurde komplett in grau gehalten", erläutert Rolf Brüggemann. Sonst wurde das Buch bewusst bunt gestaltet, da Museen in der Regel etwas für die Augen seien. "Neben einer Ästhetik des Körperlichen gibt es auch eine Schönheit der Seele. Nicht nur im Pathologischen", sagt der Museumsleiter. Mit dem Mabuse-Verlag hätten sie einen offenen Partner gefunden, so sei ein gut illustrierter "Reiseführer der besonderen Art" entstanden.
"Es war zunächst gar nicht einfach, die unterschiedlichen Notizen zu synthetisieren", so Brüggemann- "Aber irgendwann haben wir einen gemeinsamen Stil gefunden." Zunächst geht es in den Museums-Portraits um eine sachliche Dokumentation. Neben diesem rekurrierenden Grundelement wurden aber auch Atmosphärisches und persönliche Aspekte festgehalten - am Ende der meisten Porträts werden Insider-Tipps vermittelt. So zum Beispiel beim Museum Kernerhaus in Weinsberg. Dort heißt es in den letzten Zeilen: "Der Besuch bei Justinus Kerner sollte unbedingt in einem der nahe gelegenen Weinstuben abgeschlossen werden / . . . / Er empfahl den maßvollen Trunk als Medizin; zumindest darin widersprechen ihm die heutigen Medizinkollegen ungern."
Durch die Befassung mit der Thematik bekomme man einen veränderten Blick, einen komplettierenden und gesellschaftskritischen: Die Melancholie, auch Depression genannt, gebe es schon über Jahrhunderte. Allerdings sei das Krankheitsbild des "Burn-Out" ein gesellschafts- und zeitabhängiges, das aktuell häufig diagnostiziert wird. Aufklärung und Akzeptanz hätten sich im Wesentlichen verbessert, dennoch finde häufig nach wie vor eine Stigmatisierung statt, so stellen die Autoren fest.
Mit dem vorliegenden Buch wollen Brüggemann und Schmid-Krebs Berührungsängste abbauen. Darüber hinaus kann sich der Leser auf eine Reise einlassen - eine seelische und eine geografische.
Info Rolf Brüggemann hat neben diesem mit Gisela Schmid-Krebs verfassten "Reiseführer" folgende weitere Fachbücher publiziert: "Seelenpresse. Patientenzeitungen in der Psychiatrie" (1988), "Pharmawerbung. Bilderbuch einer Drogenideologie" (1990) und "Schnüffelbuch" (Anthologie über Düfte) (1995).

NWZ - 22.03.2013

Einblick in die Entwicklung der Psychiatrie

Zum 200. Mal jährt sich der Geburtstag von Dr. Heinrich Landerer. Eine Ausstellung zeichnet seinen Lebensweg nach, gibt Einblicke in die Entwicklung der Psychiatrie und präsentiert das Christophsbad aktuell.

von Margit Haas

Im Foyer der Klinik, gut sichtbar für alle Besucher, empfängt der Gründer des Göppinger Christophsbades Gäste und Patienten und blickt ihnen wohlwollend als Gipsabdruck entgegen. Wie zu jedem Ausstellungsstück weiß Rolf Brüggemann, der Leiter des "Museele", auch hierzu eine spannende Geschichte zu erzählen. Zu sehen ist auch Landerers Frau Thekla, die nach dem frühen Tod ihres Ehemannes die Klinik weiter führte. In einem elektronischen Buch kann durch die Lebensgeschichte des ungewöhnlichen Paares spaziert werden. Das Zeitrad im zweiten Teil der Ausstellung lädt in rund 100 Stationen zum Gang durch die Geschichte der Psychiatrie ein.

Ergänzt ist sie durch leicht skurril gestaltete Köpfe, die für Menschen stehen, die für Dr. Heinrich Landerer von Bedeutung waren. Da ist etwa sein erster Patient aus dem Jahr 1852. Es war der bekannte Physiker Robert Mayer. Dessen Prinzip von der Erhaltung der Energie war zunächst nicht beachtet worden. Und darüber war er schier verzweifelt. Auch Landerers Schwager Gustav Werner ist zu sehen. Und noch einmal seine Frau Thekla in einer witzigen Therapiearbeit einer Patientin. Ludwig Uhland, der den gleichen demokratischen Idealen wie Landerer verpflichtet war, begrüßt ebenfalls die Gäste. Nicht fehlen darf Christoph Blumhardt oder der "Landkartenschädel" von Franz Josef Gall, der geglaubt hatte, seelische Erkrankungen ertasten zu können.

Im dritten Teil der Ausstellung ist das Christophsbad mit seinen heutigen Einrichtungen vorgestellt. Zu sehen sind in Filmen die Menta-Care-Tagesklinik in Stuttgart, das "Museele", aber auch die Patientenzeitschrift "Seelenpresse" und das kulturelle Programm der Klinik: "Ohne Kunst ist eine gute Therapie nicht denkbar". Im vierten Teil geht es um das Wasser, das ursprünglich im Christophsbad Menschen half. Auch hier erhalten die Patienten breiten Raum. Sie waren von Anfang an von Dr. Landerer mit Tagesbeschäftigungen "behandelt" worden. Ihnen dadurch Würde zu geben, war dem Arzt wichtig.

Die Ausstellung ist bis Ende August im Christophsbad zu sehen.

Vernissage - 20.03.2014

...WIRST DU EIN ANDERER...
Ausstellung zu Heinrich Landerer

Das Christophsbad begeht im Jahr 2014 den 200. Geburtstag seines Gründers Heinrich Landerer (1814-1877). Die aufwändige und multimediale Ausstellung zu Person, Werk, Zeit und Aktualität des Göppinger Arztes geht nicht nur dem Leben Landerers als Pionier der Psychiatrie nach, sondern hinterfragt auch die Aktualität seiner Behandlungsansätze, z. B. war Landerer Anhänger des Open-Door-Systems und etablierte im Christophsbad Ansätze der Milieutherapie.

Ausstellung im Klinikum Christophsbad, Foyer Haus 21 bis 29.08.2014.

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Stuttgarter Zeitung - 14.03.2014

Ein Mann mit Weitblick und Gottvertrauen
Sabine Riker, StZ über Heinrich Landerer, Gründer des Christophsbads


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Regio TV - 20.02.2014

auf Regio TV Stuttgart und Bodensee:

Das MuSeele in Göppingen: Psychiatriegeschichte zum Mitfühlen

NWZ - 18.01.2014

Leihgabe der Universität Tübingen: Moulagen

Streifzug durch die Geschichte der Syphillis
Gratwanderung zwischen Skandal und Tabu - Sonderausstellung im Göppinger "MuSeele"


von Constanze Adler und Berit Haag


Das "MuSeele" in Göppingen zeigt seit November die Ausstellung "Lustwandel". Sie beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Psychiatrie und Sexualität und kann bis Ende Oktober besichtigt werden.

Die Sonderausstellung "Lustwandel" im "MuSeele", das sich im Dachgeschoss des alten Badhauses im Christophsbad befindet, soll Besuchern die Themen Sexualität und Psychiatrie näher bringen. Denn die sexuellen Entwicklung ist für das seelische Geleichgewicht des Menschen von besonderer Bedeutung. Die Austellung beginnt auf unkonventionelle Weise: in der Herrentoilette. Dort ist der erste Kodomautomat, der in einer psychiatrischen Klinik Verwendung fand, aufgestellt. Gerade weil das stille Örtchen zu den Themen gehört, über die nicht gerne in der Öffentlichkeit gesprochen wird, wurde das Herrenklo als Ausgangspukt der Ausstellung gewählt. "Damit wollen wir ein Tabu brechen", erklärt Rolf Brüggemann, Vorsitzender des Vereins "MuSeele", der die Ausstellung leitet.

Obwohl viele Menschen nicht gern über Sexualität reden, sei es wichtig, das Aufklärung stattfindet. Brüggemann ist es ein Anliegen, dass Menschen sich vor sexuell übertragbaren Krankheiten schützen. Nicht nur die Immunschwächekrankheit Aids ist immer mehr auf dem Vormarsch, auch an Syphilis erkranken heutzutage wieder mehr Menschen. Zwar muss die Krankheit nicht sofort ausbrechen, der Virus befindet sich trotzdem im Körper. Daher sei es unabdingbar, dass die Bevölkerung über den Schutz vor solchen Krankheiten, die Heilungschancen und -methoden informiert wird. Schon im frühen 20. Jahrhundert wurde mit Plakaten vor den Gefahren, die der Geschlechtsverkehrt mit sich bringt, gewarnt. Man versuchte beispielsweise durch Totenköpfe oder symbolische Todesdarstellungen, Menschen vom "unkeuschen" Liebesakt abzuhalten.

Heute dagegen gestaltet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung humorvolle Plakate. "Angst machen ergibt keinen Sinn. Das Beste sind sachlich-lustige Plakate", findet Brügemann. Auch im "Kino-Kabuff" wird das Thema Syphilis aufgegriffen. Der einstündige Film "Feind im Blut", der 1930 in der Schweiz gedreht wurde, verdeutlicht, wie groß die Furcht vor Syphilis vor fast einem Jahrhundert gewesen sein muss. Es wird klar, dass die Erkrankung viel Leid mit sich brachte. Zum einen wird die Angst vor dem Ausbruch der Krankheit dargestellt, zum anderen auch die Schmerzen, die ein Erkrankter erleiden musste - lange Zeit ohne Hoffnung auf Heilung. Erst als Penicillin entdeckt wurde, konnten Betroffene behandelt werden.

Weitere Schwerpunkte der Ausstellung sind handgefertigte Wachsmodelle, die das Ausmaß der Syphillis-Erkrankung plastisch darstellen und nichts für Besucher mit schwachen Nerven sind. Sie stellen die erkrankten Körperteile dar. Die sogenannten Moulagen stammen aus der Hautklinik der Universität Tübingen. Rolf Brüggemann findet das Thema der Ausstellung sehr wichtig. "Sexuell Kranke und psychisch Kranke werden an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Wir müssen ihnen die Möglichkeit geben, mit jemandem zu reden", davon ist er überzeugt.

Stuttgarter Zeitung - 08.01.2014

Bunte Bilder sind nur ein Teil der Ausstellung, Foto: Horst Rudel

MuSeele zeigt Sex, Lust und Syphilis
Das MuSeele schlägt ein neues Kapitel der Psychiatriegeschichte auf und erinnert an fast vergessene Tabus. Exponate und ein Film schildern die Schrecken der Syphilis, die in ihrem Spätstadium zu Halluzinationen und Wahnideen führen kann.


von Sabine Riker


Trotz der sexuellen Revolution gehört die körperliche Liebe noch immer zu den großen Tabuthemen. Kein Wunder also, dass ihr auch in der Psychiatrie ein zentraler Stellenwert zukommt. Schließlich ist nicht erst seit Freud bekannt, dass eine rigide Sexualmoral Schuldgefühle und psychische Krankheiten verursachen kann. Noch bis in das vergangene Jahrhundert hinein war es gängige Lehrmeinung, dass Masturbation wahnsinnig mache und die Homosexualität ein Krankheitsbild sei. Eine Sonderausstellung mit dem Titel „Lustwandel“ im Psychiatriemuseum MuSeele des Göppinger Christophsbads greift dieses Thema auf.

Gewohnt unkonventionell gehen die Ausstellungsmacher auch diese heikle Materie an. Ein Teil der Ausstellung ist im Herrenklo – einem blitzblanken Örtchen übrigens – zu sehen, wo der ehemalige Besenschrank als Vitrine dient. Dort befindet sich auch der erste Kondomautomat, der je in einer psychiatrischen Klinik aufgestellt war, wie Rolf Brüggemann, der Leiter des MuSeele, schmunzelnd erzählt. Für zwei Euro sind dort zwei Kondome zu haben. Ein reizvoller Kontrast dazu ist ein Plakat aus dem Jahr 1925, das eine fröhliche Szene im Badesee zeigt, freilich nicht ohne erhobenen Zeigefinger: „Bemühe Dich, keusch zu bleiben! Das beste Mittel dazu sind Leibesübungen“, ist darauf in dicken Lettern zu lesen. Das Plakat stammt aus den Beständen des Deutschen Hygienemuseums.

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die sogenannten sexuell übertragbaren Infektionen wie Syphilis und Aids. Beide Krankheiten wurden von Moralaposteln weidlich instrumentalisiert, drohte doch angeblich jedem, der den Pfad der Sittsamkeit verlässt, böses Siechtum. Die Parallelen sind unverkennbar. „Das, was früher die Syphilis war, ist heute Aids“, sagt Rolf Brüggemann. „Beide Krankheiten waren ein weltweites Problem.“ Was heute nur noch wenige wissen: wer sich mit der Syphilis infizierte, war bis zu der Entdeckung, dass eine Heilung mit Penicillin möglich ist, dem Tode geweiht. Davor erstreckte sich häufig eine lange Leidenszeit, die nicht selten in der Psychiatrie endete.

Denn eine späte Ausprägung der Infektion war die sogenannte Neurosyphilis, die mit psychiatrischen Krankheitsbildern wie Halluzinationen und Wahnideen einherging. Deshalb seien die Psychiatrien zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch voll von Syphilitikern gewesen, sagt Brüggemann. „Im Christophsbad machten sie 20 Prozent aus. Wie die übrigen Psychiatriepatienten wurden auch die Syphiliskranken stigmatisiert. Erstaunliche Parallelen weisen, obwohl Jahrzehnte dazwischenliegen, auch die Plakate auf, die vor Syphilis respektive Aids warnen. Im MuSeele sind Plakate aus aller Welt, Leihgaben der Londoner Wellcome Collection, zu sehen.

Wie furchterregend die Vorstellung gewesen sein muss, an Syphilis zu erkranken, dokumentiert ein historischer Film, der in der Ausstellung zu sehen ist: „Feind im Blut“. Trotz des martialischen Titels entpuppt sich der Film, der im Jahr 1930 in der Schweiz gedreht wurde, als ein aufklärerisches Werk. In keiner einzigen Szene wird der Zeigefinger erhoben. Dennoch ist spürbar, wie präsent die Möglichkeit einer Infektion für die Menschen war und welches Leid eine Erkrankung für die betroffenen Männer und Frauen mit sich brachte.

Denn wie bei Aids brach die Krankheit oft erst nach vielen Jahren aus. Und es wird deutlich, dass falsche Scham fehl am Platz ist. Wie schrecklich die Syphilis war, belegen auch die ausgestellten Moulagen, das sind Abformungen erkrankter Körperteile, aus der Sammlung der Hautklinik der Uni Tübingen. Diese Wachsmodelle zeigen plastisch die Veränderungen der Haut der Patienten und dienten Ärzten und Studenten zur Diagnostik. Ihr Anblick ist nichts für schwache Nerven. In der Broschüre zu der Schau heißt es denn auch: „Alle unerschrockenen Besucher sind herzlich eingeladen, sich ohne Vorurteile den mitunter heiklen Themen und Exponaten zu widmen.“