In aller Kürze

Göppinger Kultur-Nacht

Am 24. Juni 2017 findet zum achten Mal die Göppinger Kultur-Nacht statt, an der das MuSeele auch wieder teilnehmen wird. Das MuSeele freut sich auf Ihren Besuch und hat seine Pforten an diesem Abend von 19 bis 1 Uhr für Sie geöffnet. Tickets können Sie im Vorverkauf über unseren Museumsshop erwerben.

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Stuttgarter Zeitung - 17.11.2007

Einblicke in eine geschlossene Gesellschaft: Das Museum neben der Psychiatrie im Christophsbad führt durch die Therapiegeschichte und vernetzt ähnliche Museen in Europa.

Zwangsjacken, Gitterbetten, sedierte Patienten: der imaginäre und reale Wahnsinn der Psychiatrie schreckt viele ab. Mit den rätselhaften Erkrankungen der Seele wollen sie lieber nichts zu tun haben. Psychiatriemuseen vermitteln nun zwischen drinnen und draußen. Wer einen Sprung in der Schüssel oder ein Rad abhat, gehört hinter Schloss und Riegel. Stigmatisierungen wie diese sind noch immer weit verbreitet. Rund 65 psychiatriegeschichtliche Museen in ganz Europa wollen gegen Vorurteile und Stereotypen angehen. Rolf Brüggemann, Psychologe in der Psychiatrischen Klinik Christophsbad in Göppingen, vernetzt Seeleninteressierte nicht nur bei seiner jährlich stattfinden Tagung. Gemeinsam mit der Kunsttherapeutin Gisela Schmidt-Krebs ist er auch quer durch Europa gereist, um psychiatriegeschichtliche Museen aufzuspüren.

Entstanden ist dabei unter dem Titel "Verortungen der Seele" der erste Reiseführer zu über Hundert Ausstellungen, Gedenkstätten und anderen verwandten Einrichtungen, die sich ausführlich mit der Psychiatrie befassen. Dank dieser Museen dringt die Welt in die Kliniken und umgekehrt. Das Draußen erfährt vom Drinnen - und das ganz unverkrampft. Zum Beispiel im MuSeele, das im Jahr 2004 eröffnet wurde und direkt neben der psychiatrischen Klinik Christophsbad in Göppingen gelegen ist. In Endlosschleife klimpern dort alte Klinikschlüssel vom Band. Ein ausgedientes Blechschild mit der Aufschrift "Kein Zutritt für Unbefugte" signalisiert mit fetten schwarzen Lettern: hinter diesen Türen lebt eine geschlossene Gesellschaft - und das im Wortsinn. Wer die Schwelle zum ersten Ausstellungsraum des MuSeele überschritten hat, findet sich in den ausgebreiteten Armen einer von der Decke kreisenden Zwangsjacke wieder. Die benachbarten Utensilien verstärken das Gefühl der Beklemmung: Ein altes Klinikbett mit Fesselgurten steht neben einer Zinkbadewanne, in der noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts Patienten zur Beruhigung stunden- oder gar tagelang ins Wasser gesetzt wurden.

Ein Deckel auf der Wanne diente dazu, dass die Patienten ihrer Behandlung nicht eigenmächtig entkamen. "Manchmal wurde versucht, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben", sagt Rolf Brüggemann, der Mitbegründer und Leiter des Museeles. Die Gerätschaften der psychiatrischen Behandlung aus jener Zeit vermitteln den Eindruck, man habe der Seele mit Zwang und Folter zu Leibe rücken wollen. Wer die Gegenwart der Seelenkunde verstehen will, muss sich zwangsläufig mit der Geschichte der Psychiatrie auseinandersetzen. Vor zweihundert Jahren fristeten psychisch Kranke - und all jene, die dafür gehalten wurden - in Kerkern und Verliesen ihr Dasein in Ketten. Angemessene Behandlungsmethoden gab es damals kaum, Verwahrung war die gängige Praxis. Der Aufbruch hin zur wissenschaftlichen Erkenntnis setzte erst mit neuen Therapiemethoden ein, mit Freuds Psychoanalyse, mit pharmazeutischen Hilfsmitteln und einer sozialpsychiatrischen Bewegung.

In den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts beschreibt eine Untersuchung die Lage der Psychiatrie als "menschenunwürdig". Zwangsjacken gehörten bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur klassischen Ausrüstung des Gruselkabinetts psychiatrischer Einrichtungen. "Die Vorstellung, dass die Behandlungsmethoden mit der Zeit humaner und effizienter geworden sind, muss enttäuscht werden. Das Thema Euthanasie oder auch die Schocktherapien mit Insulin zeigen, wie sehr auch im 20. Jahrhundert menschenverachtende und ineffiziente Handlungen zugelassen wurden", sagt Brüggemann. Die Hilflosigkeit psychiatrischen Tuns bestehe zum Teil bis heute noch und fordere weiterhin Maßnahmen, die bedenklich erscheinen. Die Psychiater der Vergangenheit generell zu dämonisieren - davor warnt der Psychologe deshalb nachdrücklich. "Die meisten Ärzte früher waren keine Sadisten oder Folterknechte, sondern sie wollten einfach mit den Mitteln, die ihnen der wissenschaftliche Stand der Zeit bescherte, helfen. Und sie hatten auch Erfolge damit", betont er. Jene, die das Wohl der Patienten völlig außer Acht ließen und die dadurch den Psychiatrien während des Dritten Reiches zu ihrem traurigsten Kapitel verhalfen, gab es dennoch.

Das MuSeele - eine Wortschöpfung aus Museum und Seele - verschweigt das nicht. In einer Ecke stapeln sich alte Reisekoffer. Sie sollen an ihre Besitzer, die rund 150 Opfer von Deportation und Vergasung aus der psychiatrischen Klinik Christophsbad, erinnern. Auch eine Fotostrecke verdeutlicht exemplarisch anhand von zahlreichen Porträts den Weg von einer auf anatomische Merkmale fixierten Diagnostik hin zur rassistischen Selektion und dem als Euthanasie getarnten Massenmord an psychisch Kranken durch die Nazis. Nur einen Wimpernschlag ist der Betrachter dabei von der Gegenwart entfernt: 35 Patienten haben sich im Jahr 2005 für das Museum in Göppingen fotografieren lassen. Die Abbildungen faszinieren - und man fragt sich unwillkürlich, was die Bilder verraten. Eine junge, dunkelhaarige Frau strahlt glücklich in die Kamera. Ein älterer Mann, Typ netter Großvater, posiert daneben nicht minder stolz. Die rundliche, blond gelockte Frau wirkt auch nicht krank. Der neongrelle Aufdruck ihres Sweatshirt "Montags könnt ich kotzen" ist noch kein Alleinstellungsmerkmal. Dass sie aber brennende Zigaretten auf ihrem Körper ausdrückt, um sich zu bestrafen, schon eher.

Je länger das Auge des Betrachters zwischen den Porträts hin und her irrt, desto uneindeutiger fällt die eigene Antwort aus. Was ist schon verrückt? Das eigene Gesicht im Spiegel, das plötzlich zwischen all den Fotos auftaucht und den Blick des Betrachters zurückwirft? Immer wieder wird der Besucher mit der eigenen Persönlichkeit konfrontiert. "Wer will schon die Grenze ziehen zwischen dem, was psychisch krank ist und was nicht?" sagt Rolf Brüggemann. Tatsächlich solle man viel eher fragen, ob man selbst immer zu hundert Prozent ausgeglichen sei. Es gebe keine Menschen, auf die das zutreffe. "Und wenn es sie tatsächlich gäbe, würden wir sie nicht mögen. Kleine Schwächen machen doch sympathisch." Große Schwächen erfordern auch heute eine Betreuung in der Psychiatrie - zum Selbstschutz der Patienten und zum Schutz ihrer Mitmenschen. Eine weitere Tür öffnet sich im Museele, und der Besucher findet sich im imaginären Kopf eines Schizophrenen wieder.

Wirre Stimmen drängen unablässig aus den Wänden. Müll liegt neben zusammengeknüllten Kleidungsstücken am Boden. Die Fenster zur Welt sind mit einer schwarzen Folie abgeklebt. Neben dem zerwühlten Bett flimmert ein alter Fernseher - die Sender rauschen wahllos durcheinander. Wer diesen Raum betritt, ist froh, ihn wieder verlassen zu können. Der Besucher kann dem Wahnsinn entfliehen. Viele psychisch Kranke sind ihr Leben lang darin gefangen. "Die Besucher erzählen während des Rundgangs von ihrem verrückten Nachbarn, der depressiven Cousine oder dem alkoholkranken Schwager", berichtet Brüggemann. Viele Menschen hätten in ihrem Umfeld Erfahrungen mit psychisch Erkrankten gemacht. Auch deshalb ist der Psychologe um eine kulturelle Integration der kranken Seele bemüht. "Eine gequälte Seele kann krank sein, aber sie kann auch wieder geheilt werden", sagt er. Warum aber hat es bis in die achtziger Jahre hinein gedauert, bis die ersten Psychiatrien einen Blick hinter ihre Kulissen erlaubten? "Das hängt mit dem dunklen Kapitel der Psychiatrie während des Dritten Reichs zusammen", vermutet Frank Pfennig, ein MuSeele-Mitarbeiter.

Nur wenige der behandelnden Ärzte seien nach Kriegsende zur Rechenschaft gezogen worden. "Jetzt sterben sie aus. Die Aufarbeitung kann beginnen." Eine Psychiatrie ohne Mauern, das würde sich Rolf Brüggemann wünschen. "Wenn es schon nicht ohne Ausgrenzung geht", sagt er "dann sollten die Betroffenen wenigstens ohne soziale Ächtung leben können."

NWZ - 22.09.2007

Göppinger Autoren verfassen Buch über Psychiatriemuseen - Der Seele auf der Spur - Verfasser entdecken über 60 solcher Einrichtungen in Europa

Das Museele im Göppinger Christophsbad zeigt Psychiatrie-
geschichte(n). Gisela Schmid-Krebs und Rolf Brüggemann haben sich auf die Spuren von anderen Psychiatriemuseen in Europa gemacht.
Jetzt erscheint ihr Buch "Verortungen der Seele".
Von Florian Pottmeyer

Von Göppingen bis Wien, von Göteborg bis ins türkische Edirne: Die Recherche zu ihrem Buch über europäische Psychiatriemuseen hat den Göppinger Psychologen Rolf Brüggemann und die Kunsttherapeutin Gisela Schmid-Krebs quer durch Europa geführt. Auf insgesamt 120 Orte, die mit Psychiatrie zu tun haben, sind sie gestoßen - nicht nur Museen. "Wir wollten die Seele lokalisieren", erklärt Brüggemann das Thema des Buches. "Dabei haben wir über 60 Psychiatriemuseen in Europa entdeckt, aber auch zahlreiche Wege, Gärten oder Gedenkstätten - Orte, die wir ebenfalls als Orte der Seele verstehen". Brüggemann ist als Psychologe und Psychotherapeut in der Psychiatrischen Klinik Christophsbad in Göppingen tätig. Im Jahr 2004 hat er dort das MuSeele gegründet - ein Museum, das sich durch Exponate und multimedialen Einsatz mit Psychiatriegeschichte befasst.

Anregung für eigene Arbeit

Die Arbeit für das MuSeele hat Brüggemann und seine Co-Autorin Gisela Schmid-Krebs auf die Fährte von anderen Museen geführt, die sich mit "Seelenkunde" auseinander setzen. "Wir wollten schauen, wie andere ihre Museen machen, um Anregungen für unsere eigene Arbeit im Göppinger MuSeele zu finden", beschreibt Schmid-Krebs, die als Kunsttherapeutin im Christophsbad arbeitet, ihre Motivation. Dabei blieb es nicht: Nachdem sie an den entlegensten Orten psychiatrische Museen entdeckt hatten, kam ihnen die Idee, diesen Orten ein Buch zu widmen. "Das ist Pionierarbeit, denn es gibt noch keine gesammelte Darstellung über Psychiatriemuseen", sagt Brüggemann. Doch auch die "Verortungen der Seele" erheben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Vielmehr geht es den Autoren darum, die bereisten Orte vorzustellen und dabei auch persönliche Reiseeindrücke und Erlebnisse einfließen zu lassen. "Schön wäre es, wenn wir mit unserem Buch zur größeren Vernetzung der Museen beitragen könnten - vieles ist bestimmt noch zu entdecken", meint Schmid-Krebs. Und Brüggemann fügt hinzu: "Psychiatrische Museen sind im Kommen, das steht auch für ein neues Selbstbewusstsein der Psychiatrie".

Lange Zeit habe man sich vor den Kritikern versteckt, gerade auf Grund der zum Teil dunklen Vergangenheit der Seelenkunde in Deutschland. Demgegenüber stehen Galerien, Ateliers und Museen, die das enorme kreative Potential psychisch kranker Menschen würdigen. Auch dieser "Kunst der anderen Art" ist ein Kapitel des Buches gewidmet. Brüggemann und Schmid-Krebs haben in ihrer Freizeit drei Jahre intensive Arbeit in das Buchprojekt gesteckt und freuen sich jetzt auf die Veröffentlichung. Im Oktober ist es soweit: Dann erscheint das zweisprachige Buch "Verortungen der Seele" im Mabuse Verlag.

Stuttgarter Zeitung - 06.07.2007

Künstler aus innerer Qual - Das Werk des Psychiatriepatienten Karl Müller

In einem alten Schrank haben seine Bilder die düstere Zeit des Nationalsozialismus überstanden. Jetzt kehren sie an den Ort zurück, an dem ihr Schöpfer 1872 geboren worden ist - nach Welzheim. Der Künstler hieß Karl Müller, und gezeichnet hat er in der Psychiatrie. Von Sabine Riker.

Gnomenhafte Männer ziehen den Betrachter in ihren Bann. Zu ihnen gesellen sich Fabelwesen, Pflanzen, Tiere und Werkzeuge. Die Motive sind angeordnet wie bei einem Rebus, einem Bilderrätsel. Doch ihre Botschaft geben die Bilder nicht preis. Je länger das Auge auf ihnen verweilt, desto rätselhafter werden sie. Sicher ist nur eines: der Künstler war ein Könner. Er hat mit sicherem Strich gemalt und die Techniken des Zeichnens mit Buntstiften und Tusche virtuos beherrscht. Seine Miniaturen sind unverwechselbar, eindringlich und in ihrer Formsprache eigentümlich. Dabei hat Karl Müller, von dessen Werk hier die Rede ist, nie eine künstlerische Ausbildung genossen.

Er stammt aus einfachen Verhältnissen und ist über sein Heimatdorf Aichstrut im Welzheimer Wald nicht hinausgekommen. Seine Biografie ist so rätselhaft wie seine Kunst. Nach seiner Schulzeit - er soll ein begabtes und aufgewecktes Kind gewesen sein - lernt Karl Müller den Beruf des Stellmachers, er stellt also Kutschen und Wagen her. Und er tut das mit Leib und Seele. Letztere hat Risse. Er ist gerade 18 Jahre alt, da verändert sich sein Wesen, er wird jähzornig und raufsüchtig. Sechs Jahre später kommt er ins Gefängnis - wegen Körperverletzung. Im Rückblick betrachtet, nimmt mit diesem Persönlichkeitswandel seine Krankheit ihren Lauf. Im Jahr 1902 wird Karl Müller in die königliche Heil- und Pflegeanstalt Winnenthal eingeliefert, heute bekannt als Winnenden. Karl Müller hatte einen alten Mann misshandelt und verletzt.

Die Diagnose der Ärzte bedarf keiner Übersetzung: Manie und Dementia paranoides. Nach zwei Jahren gilt er als „gebessert“, wie es in der Krankenakte vermerkt ist, und darf wieder nach Hause. Zehn Jahre lässt ihm die Krankheit Ruhe, dann wird er wieder gewalttätig. Bauern seines Dorfes schlagen ihn nieder und bringen ihn erneut in eine Anstalt, diesmal ins Christophsbad nach Göppingen, wo er zwei Jahre bleibt. Insgesamt zehn Jahre verbringt er von seinem 30. Lebensjahr an bis zu seinem Tod im Jahr 1925 in den psychiatrischen Heilanstalten in Winnenden und Göppingen. In der Psychiatrie beginnt Karl Müller zu zeichnen. „Er muss einen ungeheuren Drang gehabt haben, sich auf diese Weise auszudrücken“, sagt Rolf Brüggemann. Der Psychologe am Göppinger Christophsbad ist der Leiter des Psychiatriemuseums „MuSeele“, das die Bilder als Schenkung bekommen hat.

Die ehemalige Ärztin am Christophsbad, Gertrud Meyer-Mickeleit, hat die 116 Zeichnungen aus dem Nachlass ihres Vaters Eugen Schmidt vor dem Vergessen bewahrt und dem Museum vermacht. „So was bekommt man nicht alle Tage“, sagt Brüggemann. Dass die Bilder überhaupt existierten, sei ein Glücksfall. Die Geschichte dieses Glücksfalls reicht weit zurück, und sie beginnt mit großem Leid. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Psychiatrie eine reine Verwahranstalt. Mehr als zwanzig Patienten teilen sich ein Zimmer. Es riecht nach Fäkalien und Schweiß. Um die Kranken wird kein Aufhebens gemacht. Sie werden ruhig gestellt, bekommen fast nichts, schon gar keine Papierbögen. Karl Müller zeichnet deshalb seine Bilder auf Kalenderblätter, Briefumschläge, auf die Rückseite von Rechnungen und auf Postkarten. Er ist zum kleinen Format gezwungen. Die Stifte braucht er bis zum letzten Zentimeter auf. Seine Umgebung weiß seine Kunst nicht zu schätzen.

Ein Irrer, der Künstler ist - heute keine ungewöhnliche Vorstellung mehr, damals schlicht abwegig. Dennoch wird Karl Müllers Kunst entdeckt. Der Tübinger Arzt Eugen Schmidt lernt den Handwerker aus Aichstrut bei einer flüchtigen Begegnung im Hof der Winnender Anstalt kennen. Schmidt, der selbst hervorragende Karikaturen zeichnet, sieht in dem Patienten den Künstler, vielleicht auch die verwandte Seele - ein für diese Zeit geradezu revolutionärer Akt. „Vermittels einiger Zigaretten“, so schreibt Schmidt später in einem Brief an den Direktor der Heilanstalt in Winnenthal, habe er den Mann bewegen können, ihm „ein paar wenige von seinen Blättern abzutreten“. Die Zeichnungen müssen Eugen Schmidt tief beeindruckt haben. Das bestätigt auch seine Tochter Gertrud Meyer-Mickeleit, die damals noch ein kleines Mädchen war. Denn zehn Jahre später, im Jahr 1930, forscht Eugen Schmidt in Winnenden nach dem Patienten. Er bittet, „für den Fall, dass Zeichnungen von dem Mann nicht mehr zu bekommen sind (die ich übrigens gern bezahlen würde)“, ihm den Namen, das Alter und den Beruf des Patienten mitzuteilen, da ihn „der Kranke an sich“ sehr interessiere.

Zwei Wochen später bekommt er eine Antwort und die Krankenakte eines Karl Johann Müller, der, so teilt man ihm mit, „am 7.5. hier“ verstorben sei. Schmidt lässt die Sache keine Ruhe. Er schreibt einen weiteren Brief an das evangelische Pfarramt in Welzheim. Der Vikar macht sich die Mühe und sucht die Schwester Karl Müllers in Aichstrut auf. Sie händigt ihm einen Packen Zeichnungen aus mit der Bemerkung, die „Verrücktesten“ habe sie verbrannt. Der Vikar schickt dem Arzt, der mittlerweile in Baden-Baden eine Praxis eröffnet hat, das empfangene Bündel. Eugen Schmidt besorgt sich alle Krankenakten und versucht zu ergründen, was Karl Müller bewegt hat. In einem Aufsatz in der Zeitschrift „Kunst und Künstler“ setzt sich Schmidt im Jahr 1931 mit dem Werk des Psychiatriepatienten auseinander. Sein Ton ist voller Respekt und Sympathie für den Mann, der als unberechenbar gilt und von seinen Mitpatienten ob seiner Grobheiten gefürchtet wird. Schmidt macht als Quell dieser ungewöhnlichen Schöpferkraft die Krankheit aus - eine für die damalige Zeit ungeheuerliche Behauptung und wenige Jahre später in der Zeit des Nationalsozialismus eine höchst gefährliche dazu.

Eugen Schmidt schließt seinen Text mit den Worten: „Wichtiger aber als all diese Erörterungen über Entstehungsgeschichte, Inhalt und Technik dieser Zeichnungen ist, dass es über hundert Blätter eines armen Unbekannten gibt, die uns tief angreifen, die an unserer inneren Sicherheit rütteln, die erschütternde Dokumente sind menschlicher Qual und eines künstlerischen Willens, diese Qual zum allgemein gültigen Erlebnis zu formen.“ Die Absicht Eugen Schmidts, mit der Prinzhorn-Sammlung in Heidelberg, der weltweit bedeutendsten Sammlung von Bildern, Skulpturen und Texten von Psychiatriepatienten, zusammenzuarbeiten, verläuft im Sand. Ein solches Ansinnen passt nicht in die Zeit. Der Nationalsozialismus wirft seinen Schatten voraus, der sich auch über die Kunst legt. Die Bilder von Geisteskranken gelten als „entartet“ und werden lediglich dazu benutzt, die moderne Kunst ebenfalls zu diskreditieren.

Kurz vor seinem Freitod im Jahr 1939 vertraut der Freigeist Schmidt, der den Terror heraufziehen sieht, seiner Tochter an: „Alles, wofür ich mein Leben lang gearbeitet habe, geht jetzt in die Brüche.“ Die Zeichnungen Karl Müllers haben die Zeit überstanden, versteckt in einem alten Schrank, in dem auch ein Buch mit Naziwitzen verborgen war. „Wenn das entdeckt worden wäre, dann wären wir dran gewesen“, sagt Gertrud Meyer-Mickeleit. Sie ist heute 84 Jahre alt, lebt in Göppingen und hat die Miniaturen des Künstlers aus der Psychiatrie, dem ihr Vater so nahe stand, viele Jahrzehnte lang bewahrt und sie schließlich dem Psychiatriemuseum geschenkt. „Ich denke, das ist ein Platz, wo sie geachtet werden.“ Ein paar Jahre noch und die Zeichnungen wären unwiederbringlich verloren gewesen, sagt Rolf Brüggemann. Er hat dafür gesorgt, dass die Kunstwerke, an denen der Zahn der Zeit nagt, von Fachleuten restauriert werden.

Dass diese Bilder ein psychiatrie- und kunstgeschichtlich bedeutender Fund sind, bestätigten inzwischen auch mehrere Expertisen. Weil das „MuSeele“ zu wenig Platz hat, um die Bilder selbst auszustellen, sollen sie auf Reisen gehen. In Schleswig wurden sie schon zu Jahresbeginn gezeigt. Karl Müllers Heimatstadt Welzheim ist die zweite Station. Dort sollen 50 Zeichnungen vom 8. Juli bis zum 9. September im städtischen Museum zu sehen sein. Doch die Besonderheit der Bilder verlangt noch ganz andere Aktivitäten, findet jedenfalls der Museumsleiter Brüggemann. „Wir müssen da noch weiter dran arbeiten.“ Er will dort anknüpfen, wo Eugen Schmidt nicht weitermachen konnte: an der Zusammenarbeit mit der Prinzhorn-Sammlung. Die Vernissage zu der Ausstellung „Die rätselhafte Welt des Stellmachers Karl Müller" findet am kommenden Sonntag um 11 Uhr im Städtischen Museum in Welzheim statt.

NWZ - 28.06.2007

"MuSeele" zeigt mehr als nur Vergangenes - Zukunft im Fernrohr

Das Göppinger Psychiatrie-Museum "MuSeele" beschäftig sich in seinen Räumen nicht nur mit der Vergangenheit. Darüber hinaus zeigt ein Blick durchs Fernrohr auch die mögliche Zukunft der Seelenheilkunde. Von Stephanie Ahr.

Wer mehr über die Geschichte der Psychiatrie erfahren will, hat in Göppingen eine gute Anlaufstelle: das "MuSeele". In dem Psychiatrie-Museum des Christophsbads wird allerdings nicht nur die Geschichte der Seelenheilkunde erzählt. Neben der Vergangenheit kann der Besucher mit einem Blick durchs Fernrohr auch etwas über die mögliche Zukunft der Psychiatrie erfahren. "Wir haben neun Zukunftsmodelle als kleine Wölkchen am Himmel dargestellt", berichtet der Leiter des "MuSeele", Rolf Brüggemann. Dieser Themen-Anriss müsse aber noch vertieft werden. Keine einfache Sache. Schließlich bedeute eine Vertiefung des Themas vor allem Zeit. Zeit, die auch anderswo benötigt wird. "Unser Verein wird von 55 Leuten getragen, nur 15 davon sind aktive Mitglieder - wir haben einige wünschenswerte Projekte, die bisher noch nicht realisiert werden konnten", erklärt der Psychologe.

Denn bisher sind die Zukunftsmodelle nur in ein paar kurzen Sätzen dargestellt. Irgendwann sollen sämtliche Inhalte auch mit Hintergrundinformationen versehen werden. "Denkbar wäre, daraus eine Doktorarbeit zu machen, die die Zukunftsvisionen verifiziert", so der Museums-Leiter. Der Grund dafür, im "MuSeele" auch die Zukunft darzustellen, liegt nach Brüggemann nahe: "Die Zukunft macht den Menschen genauso viel Angst wie die Vergangenheit. Nur, dass die Vergangenheit im Nachhinein durch Technik und Fortschritt oft beschönigt wird." Zudem reiche der "Retroblick" allein nicht aus. Getreu dem Zitat Karl Valentins "Früher war die Zukunft auch besser", sollen Grundkonflikte aufgezeigt werden, die die Menschen seit jeher beschäftigen und auch in Zukunft beschäftigen werden. "Die Einteilung ,Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft in ,schlecht - gut - besser funktioniert nicht", stellt Brüggemann fest. Zusammengestellt wurden die Modelle aus Zukunftsentwürfen, wissenschaftlichen Verlautbarungen, Trends und Zeitungsartikeln.

Doch auch wenn alle Visionen im "Museele" zu sehen sind, glaubt Brüggemann nicht an die Verwirklichung aller Modelle. "Mögliche Entwicklungen in der genetischen Manipulation und insbesondere durch das Klonen machen mir zum Beispiel eher Angst", gibt der Psychologe zu. Dagegen werde an anderen Zukunftsentwürfen wie an den Forschung im neurologischem Bereich bereits gearbeitet.

Emotion - 5/2007

Zeitreise durch die Psychiatriegeschichte

Wer einen Sprung in der Schüssel hat, wird weggesperrt – so denken viele über seelisch kranke Menschen. Das Psychiatriemuseum MuSeeIe in Göppingen zeigt, wie die Welt der Patienten wirklich aussieht.
Er hat ein Rad ab. Sie tickt nicht mehr ganz richtig. Die haben 'nen Vogel. So werden Menschen beschrieben, die sich seltsam verhalten. Gleich am Eingang begrüßen mich die Symbole der Verrücktheit: Das Spinnrad hängt neben dem Vogelkäfig, die gesprungene Schüssel vor der verdrehten Uhr. Das Psychiatriemuseum MuSeele in Göppingen pflegt eine unverkrampfte Art der Aufklärung.

Vor drei Jahren wurde es innerhalb der Räumlichkeiten der psychiatrischen Klinik Christophsbad gegründet. In 155 Jahren Klinikgeschichte sind dort viele Menschen gekommen und gegangen. Auf einer Fotowand blicken mich ihre Gesichter an. Gibt es den Wahnsinn im Blick? Erkennt man Psychosen an der Nasenspitze? Für solche Studien wurden die Patienten früher fotografiert. Oft gegen ihren Willen. Wohl auch deshalb wirken manche ängstlich und gehetzt. Anders die neueren Porträts: lachende Menschen. Sie helfen, das Bild der Psychiatrie aus der Gruselecke zu holen. "Unser Haus ist wie ein Einmachglas", sagt Museumsleiter Rolf Brüggemann. "Es konserviert und ist zugleich transparent." Auf der roten Couch lausche ich per Kopfhörer Informationen über verschiedene Therapieformen. Dann gehe ich ins verwüstete Zimmer eines Schizophrenen, gestaltet nach echtem Vorbild. Verstörend.

Wir Besucher sollen uns aber nicht von den kranken Menschen distanzieren. Dafür sorgen die kleinen Spiegel, die überall hängen und immer wieder den Blick auf uns selbst lenken: Wie normal bin ich? "Die Institution Psychiatrie darf nicht dämonisiert werden", findet Rolf Brüggemann. Aber ihre Geschichte ist nicht besonders ruhmreich, wie man hier sehen kann: Gitterbetten und Zwangsjacken. "Viele Therapien von früher befremden uns heute", gibt der Psychologe zu. Den Wandel in der Psychiatrie zeigt der Schlüsselkasten. Damals wurden die Menschen auf allen Stationen "weggeschlossen". Inzwischen ist kaum noch eine Tür versperrt. "Und wenn, dann nur um Patienten vor sich selbst zu schützen", sagt Museumsleiter Brüggemann. Früher war eben doch nicht alles besser. hk

NWZ - 07.04.2007

Tschechische Delegation ist derzeit zu Gast im Göppinger Christophsbad - Aufklären, um helfen zu können. Psychologen sind auf Ideensuche - MuSeele dient als Vorbild für Museum in Prag

Vorurteile abbauen und über psychiatrischen Anstalten aufklären - das ist das Ziel des Göppinger Museums MuSeele im Christophsbad. Ähnliches plant auch das Prager Hospital Bohnice. Auf der Suche nach Ideen für das eigene Museum besucht eine kleine tschechische Delegation derzeit die Hohenstaufenstadt. Von Stephanie Ahr.

Nur selten wird eine Psychiatrie mit einem Museum in Verbindung gebracht. Anders in Göppingen. Dort gibt es auf Bestreben des Psychologen Rolf Brüggemann seit drei Jahren das Psychiatrie-Museum MuSeele. Seine Arbeit macht nun Schule: Derzeit befindet sich eine kleine Delegation aus der Tschechei in der Hohenstaufenstadt. Die Abordnung der Prager Psychiatrie-Klinik Bohnice ist auf der Suche nach Ideen, um ein eigenes Museums-Projekt auf den Weg zu bringen. Die Verbindung zum Museele in Göppingen ist durch ein weiteres Projekt Brüggemanns zustande gekommen. "Im September veröffentlichen wir ein Buch über alle Psychiatrie-Museen in Europa", erklärt der Psychologe.

Auch das der Klinik Bohnice wird vertreten sein. "Allerdings besteht unser Museum bislang nur aus einem Korridor", fügt der leitende Direktor der Prager Klinik, Ivan David, hinzu. Das soll sich nun ändern, dem Museum soll in Zukunft ein ganzer Komplex gewidmet werden. "Aus diesem Grund wollen wir uns auf unserer Reise inspirieren lassen", bemerkt David. Wann das Projekt in Angriff genommen werden kann, ist jedoch noch fraglich. "Wir haben ökonomische Probleme, da gilt es zunächst die Gebäude zu renovieren, in denen Patienten untergebracht sind", erläutert der tschechische Psychologe Ivo Hawel. Das MuSeele hat die Delegation jedenfalls beeindruckt. "Eine exzellente Idee", lobt Hawel, "hier wird nicht nur die Geschichte der Psychiatrie erzählt, sondern auch die Patientengeschichten werden deutlich." Doch nicht nur die Tschechen profitieren von dem Besuch: "Im Bohnice haben sie frühere Behandlungsmethoden wie den Drehstuhl in Holzminiaturen nachempfunden - das würde mir auch gefallen", meint Brüggemann.

Vier Tage werden die tschechischen Gäste nun in Deutschland bleiben und neben dem Christophsbad auch psychiatrische Museen in Zwiefalten, Heidelberg und Haar besuchen. Dabei hoffen sie nicht nur auf zahlreiche Anregungen. "Es wäre auch schön, das ein oder andere Stück für unsere eigene Sammlung mit nach Hause zu bringen", sagt David lächelnd. Mit den Museen verfolgen die Psychologen das gleiche Ziel: Sie wollen Vorurteile abbauen und die Besucher aufklären. "Viele glauben, dass alle Patienten gewalttätig und unheilbar wären, die Psychologen Zwangsmethoden anwenden würden und selbst alle ein bisschen bekloppt seien", stellt Brüggemann fest. Selbst Patienten hätten häufig solche Vorurteile. Der Besuch des Museums soll den Menschen eine bessere Vorstellung der Psychiatrie vermitteln. "Wir hoffen, dass die Leute so den Mut haben, sich behandeln zu lassen, so dass wir ihnen helfen können", betont der Psychologe und erntet damit zustimmendes Nicken von seinen Prager Kollegen.