In aller Kürze

Der Ikarus vom Lautertal

Am Freitag, dem 20.10.2017 eröffnete Wolfram Voigtländer im Atelier Kirchner in Berlin die Ausstellung "Eine Begegnung mit Gustav Mesmer" in Schwarzweiß-Fotografien von Nicole Becker (geboren 1967 in Hamburg).

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Stuttgarter Zeitung - 09.12.2005

Fotos von großer Anziehungskraft. Patienten des Göppinger Christophsbads haben sich für das MuSeele porträtieren lassen.

Das Bekenntnis zu sich selbst fällt psychisch Kranken schwer. Patienten des Göppinger Christophsbads gelingt es aber nun auf eindrucksvolle Weise. Sie haben eingewilligt, dass ein Foto von ihnen im zur Einrichtung gehörenden Museum ausgestellt wird. Von Sabine Riker

Ein Herzinfarkt gilt als die Krankheit des Tüchtigen. Doch Menschen, die an einer psychischen Erkrankung leiden, werden häufig stigmatisiert und von der Gesellschaft als Irre abgestempelt. Ein Anliegen des MuSeeles ist es, dieser Ächtung entgegenzutreten und Respekt für die Psychiatriepatienten einzufordern. Dies geschieht nicht nur durch einen Blick zurück. Immer wieder schlägt das MuSeele Brücken in die Gegenwart und wagt schon auch mal einen Blick in die Zukunft.

Die Gegenwart. Rolf Brüggemann, einer der Motoren beim Aufbau des MuSeeles und Psychologe am Christophsbad, hat sich von Anfang an gewünscht, dass die historischen Fotografien von Patienten, die in dem Museum ausgestellt sind, ergänzt werden von aktuellen Fotos. Die Chancen dafür schätzte er nicht allzu hoch ein. Doch der jungen Fotografin Stefanie Stepper ist es gelungen, 35 Patientinnen und Patienten zu überzeugen, sich für ein Foto herzugeben. Dabei herausgekommen sind viel sagende Farbfotografien, die alles andere sind als drückend. In ihrem bunten nebeneinander zeigen sie das pralle Leben - auch das ist Psychiatrie. Im Kontext mit den historischen Schwarz-Weiß-Fotografien entsteht ein spannungsgeladenes Wechselspiel zwischen gestern und heute. Beim Studium der Gesichter fragt man sich unwillkürlich, ob sich in den Gesichtzügen nicht die jeweilige psychische Erkrankung ablesen lässt.

Das Merkwürdige dabei: man kann sich nicht an diesen Bildern satt sehen, und je länger das Auge zwischen den Porträts hin und her irrt, desto weniger eindeutige Antworten gibt es. Was ist schon verrückt? Ist es das eigene Gesicht in dem Spiegel, der zwischen die Fotos montiert ist und der den Blick des Betrachters auf sich selbst zurücklenkt? Die aktuellen Fotos sind heiter. Die Kamera hat diese Menschen liebevoll erfasst. Der Wunsch, dass diese Fotos zur "Antidiskriminierung" beitragen, wie es der frühere Psychiater am Christophsbad, Gerhard Kolb, formulierte, ist spürbar. Doch auch die historischen Fotografien, die anders als heute zu diagnostischen Zwecken gemacht wurden, wirken keineswegs kalt. Auch diese Fotografen versuchten offenbar, den psychisch kranken Menschen gerecht zu werden. Umso erschütternder ist es, wenn auf einzelnen Fotos aus den dreißigern Jahren "T 4" steht.

Diese Menschen wurden von den Nationalsozialisten grausam ermordet, weil sie nicht "normal" waren. "Ihre Krankheit wurde zu einem fatalen Todesurteil", sagt Rolf Brüggemann darüber. Ein Todesurteil muss heute kein Psychiatriepatient mehr fürchten. Doch Mut gehört noch immer dazu, sich als psychisch krank zu offenbaren. Für Annegret Fenzl war es ein großer Schritt, sich von Stefanie Stepper fotografieren zu lassen. Doch jetzt ist sie stolz darauf. "Ich freue mich, dass ich dazugehöre", sagt sie. "Ich bin Steffi dankbar."

NWZ - 09.12.2005

Ausstellung / Fotoinstallation im Psychiatriemuseum MuSeele im Göppinger Christophsbad vorgestellt.

35 Patienten-Porträts und ein Spiegel. Fotografien von Stefanie Stepper stehen im Kontext mit historischen Porträts seit 1870. Seit knapp zwei Jahren ziert das MuSeele im Christophsbad die Göppinger Ausstellungslandschaft.

Jetzt ist das Psychiatriemuseum um ein Schmuckstück reicher. Am Mittwoch wurde eine Fotoinstallation mit 35 Patientenporträts vorgestellt.
Marcus Zecha

Sie sehen aus wie die netten Nachbarn von nebenan: Eine langhaarige junge Frau lächelt milde in die Kamera, ein braungebrannter Bärtiger steht locker vor Parkbüschen, als sei's ein Foto vom Toskana-Urlaub. Ein dritter präsentiert sich selbstbewusst als Indianer, eine vierte möchte - so sagt es zumindest ihr T-Shirt - montags am liebsten kotzen. Ihnen allen gemeinsam ist: Sie sind Patienten des Christophsbades. Die 35 Patienten-Porträts der Fotografin Stefanie Stepper im Psychiatriemuseum MuSeele sind im Kontext mit den historischen Porträts zu sehen. Rechts, umrahmt von gelblichem Karton, hängen alte Schwarzweiß-Bilder von 1870 bis in die 1930er Jahre, links die frischen Farbbilder. Die Farbe ist der augenfälligste, aber nicht der einzige Kontrast.

Früher gehörten die Porträts zum Pflichtprogramm jedes neu aufgenommenen Patienten. Anhand der Bilder wurde kategorisiert. Neben vielen Porträts steht lapidar "T4" für die gleichnamige Euthanasie-Aktion. Für 168 Christophsbad-Patienten bedeutete dies das Todesurteil. Sie endeten in NS-Tötungsanstalten. Bei den neuen Fotografien war es den Befragten freigestellt, sich ablichten zu lassen: 35 Patienten hatten den Mut, sich zu outen. Eine der 35 ist Annegret Fenzl. "Manche haben mich schräg angeschaut, als sie erfahren haben, dass ich im Christophsbad bin", erzählt Fenzl. Dennoch steht sie dazu, zum Christophsbad zu gehören: "Das ist wie eine große Familie für mich!" Dr. Gerhard Kolb, gut 25 Jahre lang Oberarzt am Christophsbad, sieht in der Installation einen "ausgezeichneten Beitrag zur Antidiskriminierung psychisch Kranker".

Schon die lockere Atmosphäre von Stefanie Steppers Fotografien, der unter professionellen Bedingungen eindrucksvolle Porträts gelungen sind, verhindert, dass der Betrachter den distanzierten Blick des Kuriositätenkabinettgängers einnimmt. In die Stellwand eingelassene Spiegel verstärken den Eindruck: Unter anderen Bedingungen könntest auch du hier abgelichtet sein. Rolf Brüggemann, Psychologe im Christophsbad, mahnt ebenfalls zum Nachdenken: "Wer wollte schon die Grenze ziehen, was psychisch krank ist und was nicht?!"

Stefanie Stepper vor ihren Bildern. Die Fotografin ist "beeindruckt vom Mut der Patienten". Rechterhand hängen Porträts aus den 1930er Jahren. Foto: Staufenpress

Stuttgarter Zeitung - 11.07.2005

Am Ende verhandeln die Göppinger Ärzte um jeden Pflegling

StZ-Serie über die Entnazifizierung in der Region (5): die Spruchkammerakte des Mediziners Karl John verdeutlicht, wie schwierig die Schuldfrage zu beantworten ist.

Das Ende des Weltkriegs markiert auch den Beginn der politischen Säuberung von den Nazis. Gemeinsam mit dem Staatsarchiv Ludwigsburg zeichnet die Stuttgarter Zeitung diesen Prozess mit ausgewählten Fällen aus der Region nach. Heute: der Mediziner Karl John. Von Lukas Jenkner

Auf den ersten Blick scheint klar zu sein, dass Karl John ein überzeugter Nazi gewesen ist. Er gehörte verschiedenen NS-Gliederungen an. Von 1936 bis 1945 hat er für das Rassepolitische Amt des Kreises Göppingen gearbeitet und Vorträge gehalten mit Titeln wie "Bevölkerungspolitik und Rassehygiene", "Rassehygiene und Erbbiologie" oder "Alles Leben ist Kampf". John war damals Oberarzt und stellvertretender Leiter des bis heute existierenden Göppinger Christophsbads, in jener Zeit eine private Heilanstalt für psychisch Kranke und Behinderte.

Der Nervenarzt John war an exponierter Stelle in eines der dunkelsten Kapitel des Dritten Reiches verstrickt: in die so genannte Aktion T 4, die die planmäßige Ermordung tausender behinderter und kranker Menschen umfasste. Im ganzen Reich wurden zwischen Januar 1940 und August 1941 mehr als 70 000 Menschen umgebracht, zunächst in aller Heimlichkeit und mit hoher krimineller Energie organisiert von einer geheimen Tötungsbehörde in Berlin, der mehrere Organisationen angehörten. Diese trugen so unverfängliche Namen wie Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten oder Gemeinnützige Krankentransport-GmbH. Das frühere Behindertenheim Grafeneck auf der Schwäbischen Alb, wo heute eine Gedenkstätte steht, war die erste von mehreren Tötungsanstalten.

Aus dem Göppinger Christophsbad wurden in dieser Zeit 297 Patienten abtransportiert, von denen 168 getötet wurden, wie der Historiker Thomas Stöckle in den 90er Jahren aus verschiedenen Quellen erschlossen hat. Die Zahlen weisen allerdings Unschärfen auf, ihre Präzision ist nicht genau nachvollziehbar. Dies gilt auch für andere Heilanstalten, die, so die damalige Bezeichnung, Pfleglinge abgeben mussten. Das Christophsbad war eine von mehr als 20 Einrichtungen in Württemberg, die von der Mordaktion betroffen waren. Die Lektüre der Akte Karl Johns, der sich am 18. September 1947 in Göppingen wegen seiner Vergangenheit vor der dortigen Spruchkammer verantworten musste, indes zeigt, dass Johns Verhalten als Arzt im Dritten Reich so eindeutig nicht war. Die Kammer kam sogar zu dem Ergebnis, dass John sich weder formal noch individuell schuldig gemacht habe, seine Tätigkeit vielmehr dazu geführt habe, dass aus dem Christophsbad weniger Menschen abtransportiert und ermordet wurden als zunächst geplant.

In der Verhandlung hatte der damals 62-jährige John, der zu diesem Zeitpunkt mit einer Ausnahmegenehmigung bereits wieder im Christophsbad arbeitete, für sich geltend gemacht, dass er lediglich Beauftragter, aber nicht Leiter des Rassepolitischen Amtes im Kreis Göppingen gewesen sei. Als Freimaurer habe er nicht Parteimitglied werden können und es auch gar nicht gewollt. Tatsächlich war John als Mitglied einer Freimaurerloge zum Zweck der Diffamierung bereits 1935 in dem antisemitischen Hetzblatt "Der Judenkenner" namentlich aufgeführt worden. Diverse Zeitungsartikel über seine Vorträge hätten die Inhalte seiner Reden völlig verzerrt wiedergegeben, so John. Er habe sich schließlich auf wissenschaftlicher Ebene genähert. Unterstützt wurde John von den üblichen Entlastungsschreiben verschiedener Freunde und Kollegen, darunter auch ein Arzt und ein Jurist, beide jüdischen Glaubens.

Andererseits lässt ein Brief Karl Johns an die NSDAP-Kreisleitung vom 30. April 1941 an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. In dem Schreiben äußert er sich gegenüber der Behörde abfällig über 20 polnische Frauen, die als Arbeiterinnen aus dem Elsass nach Göppingen gekommen waren und mit dort stationierten deutschen Soldaten Bekanntschaften schlossen. John schreibt: "Es dürfte meines Erachtens angezeigt sein, wenn von Seiten der NSDAP-Kreisleitung der Befehlsstellen der Göppinger Truppenteile darauf aufmerksam gemacht würden, dass der Umgang der Soldaten mit diesen fremdvölkischen Mädchen rassisch unerwünscht ist. Heil Hitler, gez. Dr. John". Der Göppinger Ortsausschuss des Gewerkschaftsbunds vertrat überdies die Auffassung, dass John sehr wohl Kreisamtsleiter des Rassepolitischen Amtes gewesen sei. Und das Urteil das Gaugerichts, das über eine Aufnahme Johns in die NSDAP zu entscheiden hatte, dies jedoch ablehnte, legt die Vermutung nahe, dass sich John zumindest darum bemüht hatte. Weil er Freimaurer sei, so das Gaugericht, könne dies jedoch auch auf dem Gnadenwege nicht geschehen.

Vor allem beschäftigte sich die Spruchkammer natürlich mit den Vorgängen in den Jahren 1940 und 1941. Und da zeigte sich, dass sich die Ärzte - mögen sie sich vielleicht wie John rassenideologischen Ideen verbunden gefühlt haben - durchaus renitent verhielten, als es um das Leben der Anstaltsinsassen ging. Die ersten Meldebögen zur Erfassung von Kranken etwa, die bereits 1939 vom Reichsinnenministerium an das Christophsbad geschickt wurden, blieben unausgefüllt. Als sich im Frühjahr 1940 ranghohe württembergische Ministerialbeamte in Göppingen einfanden, um auf die Ausfüllung der Meldebögen zu pochen, wurden den Akten nach plötzlich alle in Frage kommenden "Pfleglinge" arbeitsfähig, Krankengeschichten wurden entsprechend frisiert. Regelmäßig mussten die Göppinger Ärzte in den Monaten danach mit den Kommissionen über jeden einzelnen Anstaltsinsassen verhandeln. Mehrmals protestierte die Leitung des Christophsbads in Stuttgart.

Dass trotzdem mehrere hundert Betroffene abtransportiert wurden und ein Teil von ihnen ermordet wurde, ließ sich mit diesen Bemühungen jedoch nicht verhindern. Das Göppinger Christophsbad hebe sich in seinem Handeln positiv von anderen Heil- und Pflegeanstalten ab, schreibt Thomas Stöckle. Tatsächlich waren die Ärzte vor allem in den staatlichen Pflegeanstalten - von einzelnen Ausnahmen abgesehen - wenig bereit, sich aus der Reserve herauszuwagen und Zivilcourage zu zeigen, meint dazu der Historiker Rolf Königstein. Widerstand in verschiedenster Form leisteten vor allem die von den Kirchen getragenen Anstalten. Trotz allem waren es am Ende mehrere tausend Menschen in Baden und in Württemberg, die im Rahmen der Aktion T 4 getötet wurden. Dass Karl John von der Spruchkammer entlastet und damit in die niedrigste Kategorie eingeordnet wurde, mag aus heutiger Sicht diskutabel sein. Seine Akte offenbart jedoch, dass eindeutige Kategorisierungen zur Einschätzung individueller Schuld nicht taugen, sondern dass vielmehr immer die Komplexität der jeweiligen Umstände berücksichtigt werden muss.

Die Spruchkammerakte Karl John ist im Ludwigsburger Staatsarchiv unter der Signatur EL 902/8 Bü 7263 abgelegt. Der dortige Lesesaal ist unter der Telefonnummer 0 71 41/18 63 37 erreichbar. Die Beiträge dieser Serie sowie einzelne Dokumente aus der Akte sind im Internet auf den Seiten des Staatsarchivs nachzulesen.

Südwest Presse - 18.06.2005

Die landwirtschaftliche Irrenkolonie - Ärzte des Christophsbades versuchten, Patienten vor der Deportation zu retten.

Das Christophsbad in Göppingen ist eine der ältesten Psychiatrien Württembergs. Ein neues Museum dokumentiert seine bewegte Geschichte. Ihr dunkelstes Kapitel: die Euthanasieaktion der Nazis, der im Christophsbad fast jeder zweite Patient zum Opfer fiel. Von Leni Höllerer

Zwangsjacke, Elektroschock und Psychopharmaka haben die Psychiatrie und ihre Methoden lange Zeit in einem sehr zweifelhaften Licht erscheinen lassen. Um einem solchen einseitigen Bild entgegenzuwirken, wurde in den letzten drei Jahrzehnten zahlreiche Psychiatriemuseen gegründet. Jetzt hat auch das Christophsbad in Göppingen eines. MuSeele, so der Name, soll nicht nur über die Geschichte des Christophsbades informieren. Hier sollen auch verschiedene Aspekte der Seele und ihrer Krankheiten beleuchtet werden, sagt Museumsleiter Rolf Brüggemann. So sind etwa Krankheitsbilder wie Psychose oder Sucht Themen der sehr interaktiv angelegten Ausstellung.

Aber am spannendsten am MuSeele ist dann doch die Dokumentation der Geschichte des Christophsbades. Als der Arzt Heinrich Landerer 1852 die Psychiatrie eröffnete, hatte sie gerade einmal drei Patienten. Einer von ihnen war der spätere Physiknobelpreisträger Robert Mayer. Doch der war alles andere als zufrieden mit der Art, mit der man dort gegen seine Depressionen vorging. Er schrieb: "Herr Landerer und seine Helfershelfer folterten mich auf eine Weise, welche der weiland spanischen Inquisition zu Ehren gereichen konnte." Die damaligen Therapiemethoden waren in der Tat alles andere als zimperlich: So mussten etwa Patienten tagelang zur Beruhigung in der Badewanne verharren. Wer raus wollte, bekam einen Deckel über die Wanne gestülpt. Als die Anzahl der Psychiatrie-Insassen gestiegen war, begann man diese in den landwirtschaftlichen Betrieb des Christophsbads einzuspannen. Die "landwirtschaftliche Irrenkolonie" auf dem nahe gelegenen Bauerngut "Freihof" - es war die erste in Württemberg - half vor allem beim Heu- und Getreideanbau. Als Lohn gab es meist Naturalien wie Tabak oder Alkohol. Sinn und Zweck der Irrenkolonie war in erster Linie ein therapeutischer: Den Kranken sollte durch sinnvolle Beschäftigung das Gefühl der persönlichen Leistungsfähigkeit vermittelt werden.

In den 30er Jahren kam die Elektroschocktherapie auf, die zwar Wahnvorstellungen und Depressionen heilen aber auch Gedächtnisverlust bewirken kann. Heute wird sie deshalb nur noch in schweren Fällen und mit Zustimmung der Patienten angewandt. Auch wenn heute mit humaneren Mitteln gearbeitet werde, gebe es keinen Grund, die Psychiater der Vergangenheit zu verteufeln, meint Brüggemann. Denn man müsse die jeweiligen Therapieformen am wissenschaftlichen Stand ihrer Zeit messen. Mit Hitlers Machtergreifung hielt der Nationalsozialismus auch in das Christophsbad Einzug: Das Personal musste jetzt Kurse über Erbbiologie besuchen, "nationale Unzuverlässigkeit" wurde zum Kündigungsgrund. Im Januar 1934 trat das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" in Kraft. Sein Ziel war es, "den Volkskörper zu reinigen und krankhafte Erbanlagen allmählich auszumerzen." In der Folge wurden auch viele Patienten aus dem Christophsbad zwangssterilisiert.

Der Krieg bot eine willkommene Ablenkung, um auf noch radikalere Weise hinter den Kulissen gegen "lebensunwertes Leben" vorzugehen: Zwischen Januar 1940 und August 1941 fielen im ganzen Reich 702736 Menschen der Euthanasie zum Opfer. In Württemberg wurden 11000 Kranke in den Tötungsanstalten Grafeneck und Hadamar vergast. Das MuSeele zeigt Photos von Christophsbad-Patienten aus dieser Zeit. Auf einigen prangt ein Stempel: T4. Das bedeutet Tiergartenstraße 4, die Adresse der Euthanasie-Zentrale. Wessen Foto den Stempel trägt, der war für die Gaskammer bestimmt. Der Arzt, der die Selektion vornahm, wurde vom württembergischen Innenministerium geschickt. Vor allem Langzeitpatienten und Arbeitsunfähigen stellte er die Diagnose "schizophrener Endzustand".

Auch ein Strick ist in MuSeele zu sehen. Mit ihm erhängte sich ein Patient, der häufig die Angst geäußert hatte, von den Nazis ermordet zu werden. Die Ärzte erklärten ihn daraufhin für paranoid. Ein weiteres Dokument der "Gnadentod"-Aktion im Christophsbad befindet sich jetzt im Stuttgarter Haus der Geschichte: ein Foto von einem Keks. Den entdeckte die Familie eines verstorbenen Insassen in dessen Rucksack: "Mörderabteilung" war als geheime Botschaft in ihn geritzt. Doch auch wenn diese Zeugnisse eine andere Sprache sprechen, verdankten viele Patienten ihr Leben den Ärzten. Die protestierten beim Innenministerium und erreichten so, dass 75 Kranke weniger als geplant deportiert wurden. Als Grund ihrer Proteste gaben sie an, der Privatklinik Christophsbad würde mit den Patienten auch die wirtschaftliche Basis entzogen.

Nach 1945 erholte sich das Christophsbad rasch. Große Veränderungen standen bevor: Psychopharmaka und Psychotherapie setzten sich in den 50er Jahren als Behandlungsmethode durch. Im Zuge der Sozialpsychiatriebewegung der 70er öffnete man sich zunehmend nach außen und machte Christophsbad für die Patienten attraktiver: Es wurde zu der modernen Klinik, die es heute ist.

Stuttgarter Zeitung - 24.05.2005

Mit Ausstellungen eine Tür für die Psychiatrie aufgestoßen - Psychiatriemuseum im Christophsbad findet über Göppingen hinaus Beachtung - Museumsmacher als Ideengeber gefragt.

Das "MuSeele" im Christophsbad strahlt weit über Göppingen hinaus. Die Macher des Psychiatriemuseums - vorneweg der Psychologe Rolf Brüggemann - sind gefragt. Sie arbeiteten auch an einer Ausstellung mit, die zurzeit in Tübingen zu sehen ist. Von Sabine Riker

Die Psychiatrie hat noch immer einen zweifelhaften Ruf. Die gesunden Menschen wollen mit dieser Institution und den rätselhaften Erkrankungen der Seele lieber nichts zu tun haben. Doch durch das "MuSeele" sickert die Welt in das Krankenhaus und umgekehrt: Das Draußen erfährt vom Drinnen. Das ist erwünscht. Rolf Brüggemann, der Psychologe am Christophsbad ist, träumt gar von einer Psychiatrie ohne Mauern. Doch wenn es schon nicht ohne Mauern geht, dann wenigstens ohne soziale Ächtung der Kranken. "Unser Ziel ist es, mehr Akzeptanz zu erreichen." Die Kontakte mit teilweise großen und renommierten Museen kommen ihm da gerade recht. Durch die Zusammenarbeit, so hofft er, könne die Psychiatrie noch stärker aus dem Schatten der Stigmatisierung treten.

Dass das "MuSeele" im Konzert großer Museen mitspielt, macht Brüggemann stolz. "Wir sind in deren Augen zwar eine kleine Nummer, aber man beachtet uns." Was er nur andeutet: dieses Interesse ist umso bemerkenswerter, als das "MuSeele" von einem Verein getragen wird und im Vergleich zu anderen Psychiatriemuseen mit bescheidenen Mitteln auskommen muss. Wie auch immer, die Fußnote Göppingen ist in so mancher aktuellen Ausstellung zu finden. Die Fixiergurte und ein Elektroschockgerät, die im Düsseldorfer Museum Kunst Palast in einer Ausstellung über den psychisch kranken französischen Schriftsteller Antonin Artaud (1896 bis 1948) zu sehen sind, stammen aus dem "MuSeele". Die Ausstellung wird von dort weiter nach Paris wandern.

In Göppingen auf Ideensuche ging auch das Wiener Sigmund-Freud-Museum. Zu einer Ausstellung rund um die Freudsche Couch erbaten sich die Wiener Anregungen. Die MuSeele-Macher brauchten sich nicht lange den Kopf zu zerbrechen. Denn bei ihnen steht die Idee schon: eine rote Couch. Sie ist nicht nur zum Anschauen da. Die Besucher dürfen sich darauf legen. Über Kopfhörer gibt es dazu Informationen über die verschiedenen Therapiemöglichkeiten. Nicht nur als Ideen- und Leihgeber sind die Göppinger gefragt. Bei der Ausstellung "Von Irr-Sinn und Seelenkunde", die bis zum 30. Juni im Tübinger Frondsberghaus gezeigt wird, spielten die MuSeele-Macher neben der psychiatrischen Uniklinik die Hauptrolle. "Ich habe in der vergangenen Zeit mehr Zeit in Tübingen als in Göppingen verbracht", sagt Brüggemann, der scherzhaft auch von der Tübinger Filiale spricht.

Zur Ruhe kommen wird der engagierte Psychologe auch in der nächsten Zeit nicht. Zusammen mit dem Psychiatriemuseum Dr. Guislain im belgischen Gent will er eine Dokumentation über europäische Initiativen schreiben, die das Anliegen der Psychiatrie ausstellen. Dazu zählen nicht nur Psychiatriemuseen, von denen es nicht allzu viele gibt. Der Blick soll auch auf jene Museen gerichtet werden, die sich der so genannten Outsider-Art widmen, der Kunst von psychisch Kranken. "Die Irrenkunst hat sich von einer verfemten und entarteten Kunst in eine Kunst entwickelt, die in den großen Museen der Welt hängt", erläutert Brüggemann. Diese Kunst habe eine Tür für die Psychiatrie aufgestoßen. Aussparen will die Dokumentation auch nicht die Stätten, an denen der Opfer der Euthanasie, darunter bekanntlich viele Psychiatriepatienten, gedacht wird. Der Titel des Buches steht schon fest: "Verortungen der Seele".

Das MuSeele darf sich übrigens auch als Besitzer einer kleinen, aber feinen Kunstsammlung fühlen. Nachdem es vor anderthalb Jahren seine Pforten geöffnet hatte, schenkte die frühere Ärztin am Christophsbad, Gertrud Meyer-Mickeleit, der Einrichtung 115 so genannte Stellmacherbilder. Gemalt hat sie ein psychisch schwer kranker Mann zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Arzt des Künstlers war Meyer-Mickeleits Vater. Ihm gefielen die Buntstiftzeichnungen so gut, dass er sie von der Schwester seines Patienten kaufte. Der Zufall wollte es, dass die Bilder in einem Kleiderschrank die Nazizeit heil überstanden. Mangels geeigneter Ausstellungsräume sollen sie nach ihrer Restaurierung in Schleswig gezeigt werden, wo es auch ein Outsider-Art-Museum gibt. Brüggemann hofft, diese "hochspannende" Ausstellung irgendwann einmal nach Göppingen holen zu können.

Trotz aller Aktivitäten, die das MuSeele angestoßen hat, will Brüggemann das Museum selbst keinesfalls vernachlässigen. "Ich habe noch viele Ideen", sagt er. Doch auch jetzt schon lohnt sich ein Besuch. Das Museele beleuchtet nicht nur die Geschichte der Psychiatrie, es fragt auch nach den Vorurteilen und regt zum Nachdenken an. Wer durch die Räume der Ausstellung geht, wandelt nicht zuletzt auf den Spuren der Seele. "Die Seelenwelten", so sagt Brüggemann, "sind so wichtig wie die Körperwelten. Durch die psychisch Kranken erfahren wir etwas über sie".

Schwäbisches Tagblatt - 12.05.2005

Über das Leben und seine Nebenwirkungen - Zur 200-Jahr-Feier des Uni-Klinikums gibt eine Ausstellung Einblick in die Geschichte und Gegenwart der Psychiatrie.

Der Titel klingt verstörend: "Von Irrsinn und Seelenkunde" heißt eine Ausstellung, die gestern im Rahmen eines Symposiums an der Tübinger Uni-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Frondsberghaus eröffnet wurde.

Mit eindrucksvollen Rauminstallationen will die Schau noch bis zum 30. Juni zur kritischen Auseinandersetzung mit der Psychiatrie-Geschichte anregen. Eine Geschichte, die bis heute geprägt ist von Stigmatisierung der Patienten einerseits und dem Bemühen um Aufklärung über die verschiedenen Krankheitsbilder andrerseits.
(uha).

Die 200-jährige Geschichte des Tübinger Uni-Klinikums ist zugleich auch eine Geschichte der Psychiatrie. Als Ferdinand Autenrieth das Klinikum im Jahr 1805 gründete, gehörte zu seinen ersten Patienten in der Alten Burse ein psychisch Kranker: der Dichter Friedrich Hölderlin. Ein gutes Jahrhundert später, 1927, wird der jüdische Dichter Jakob van Hoddis in die Tübinger Nervenklinik eingeliefert. Im Mai 1942 wurde er Opfer der Ermordungsaktion der Nazis an psychiatrischen Patienten. In der Ausstellung im Frondsberghaus, bis vergangenes Jahr Domizil der Abteilung für Entwicklungsneurologie der Tübinger Uni-Kinderklinik, ist Hölderlin und van Hoddis eine der insgesamt 15 Rauminstallationen gewidmet.

Noch in zwei weiteren Räumen haben die Ausstellungsmacher vom Göppinger Verein MuSeele und der Tübinger Psychiatrischen Uniklinik die planmäßige Ermordung von Psychiatriepatienten und Geistigbehinderten thematisiert: im Keller des 1912 als Säuglingsheim erbauten Hauses in der Frondsbergstraße blicken den Betrachter von weiß gekachelten Wänden die Portraits von Euthanasie-Opfern an. In einem weiteren Raum geht es um zwei Brüder: den Tübinger Psychiater Gerhart Mall, der seinen unter Depressionen leidenden Bruder Georg brieflich der Tötungsmaschinerie der Nazis anempfahl. Viele der übrigen Installationen versetzen die Ausstellungsbesucher in Situationen, wie sie psychisch Kranke im Alltag erleben: Von der Decke herabhängende Telefonhörer, aus denen eine bedrohliche Geräuschkulisse dringt, klaustrophobische Enge, Reizüberflutung.

Ein Raum ist bestückt mit Karteikästen, in denen sich Erfahrungsberichte von Pfleger(innen) und Krankheitsakten verbergen. Ein anderer hängt voller Spiegel, die dem Betrachter ein zerrbild seiner selbst vermitteln. Einen Überblick über Geschichte, Ereignisse und große Namen des Fachs vermittelt ein computer-animiertes Zeitrad, an dem die Besucher drehen können. "Wir haben ein Stückweit auch die Vorurteile aufgegriffen und wollen einen Anlass bieten, sich damit auseinander zu setzen", sagt Frank Schwärzler, bis vor kurzem Oberarzt an der Tübinger Psychiatrischen Klinik und einer der Organisatoren der Ausstellung. Deren Ziel definiert der inzwischen an die Münsterklinik in Zwiefalten berufenen Arzt so: "Wir wollen, dass Leute, die glauben, alles über Psychiatrie zu wissen, mit lauter Fragen wieder aus der Ausstellung herauskommen." Besucher, die mit der Materie weniger vertraut sind, sind bei der Auseinandersetzung mit den Aspekten von "Irr-Sinn und Seelenkunde" allerdings auf das ausführliche Begleitheft angewiesen - zumindest zur Nacharbeitung der Eindrücke, denen sie durch die bewusst verstörenden Arrangements ausgesetzt sind. "Wir wollten. dass Psychiatrie hier leibhaftig, also mit allen Sinnen erfahrbar wird", sagt dazu der Göppinger Psychologe Rolf Brüggemann.

In Göppingen unterhält der Verein MuSeele bereits eine Dauerausstellung zur Psychiatrie-Geschichte. Das Frondsberghaus in Tübingen, findet Brüggemann, eignet sich ideal für die Einrichtung eines weiteren ständigen Museums zu dem Thema. Dem könnte auch Anil Batra viel abgewinnen. Schließlich, so der leitende Oberarzt der Tübinger Psychiatrischen Klinik, sei es wichtig, mehr Verständnis zu wecken für Menschen, die aufgrund ihrer Krankheit "ein stückweit aus dem Leben austreten". Zumal es immer mehr von ihnen gibt. Bereits heute sind sieben von zehn der bedeutsamsten Krankheiten im Bereich der Psychiatrie angesiedelt, gibt Batra eine Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation WHO wieder. Doch viele, die an Depressionen, Psychosen oder anderen seelischen Störungen erkrankt sind, wissen nicht, woran sie leiden: "Im Schnitt dauert es sieben Jahre, bis diese Kranken zum Arzt kommen." In den kommenden Jahren könnte sich die Situation zuspitzen. Angesichts von wachsender Reizüberflutung, Existenzängsten und gestörten familiären Bezügen müsse man sich fragen, so Batra: "Hat unser Leben nicht Nebenwirkungen".

NWZ - 23.04.2005

Frau Knaus und Rolf Brüggemann im Gespräch

Das MuSeele im Göppinger Christophsbad hat eine neue Installation: "Verbuchungen der Seele" - Den Menschen nicht auf Hirnfunktionen reduzieren.

Das MuSeele im Christophsbad Göppingen hat seit dieser Woche eine neue Installation. Mehr als 50 verschiedene Bücher, die sich mit dem Thema "Seele" auseinandersetzen, sind in einer Vitrine ausgestellt.

Die Buchhandlung Herwig, vertreten durch Filialleiterin Katharina Knaus, hatte einen Großteil der Bücher für dieses Projekt gespendet. Weitere Bücher wurden durch die Verlage und einige Privatpersonen zur Verfügung gestellt. Rolf Brüggemann vom Verein MuSeele erklärt den Sinn des Projektes: "Die Seele soll in möglichst umfassender Weise verstanden werden.

Sie lässt sich kaum eingrenzen und schon gar nicht auf ihre kranken und schwachen Aspekte. Das Museele will in einer körperorientierten Welt die Schönheit und Bedeutung der Seele unterstreichen." Von Steiner bis Messner - Schon die Buchtitel machen die Zusammenhänge deutlich: zum Beispiel "Der Seele Heimat ist der Sinn" von Viktor Frankl, "Das weiße Land der Seele" von Olga Kharitidi, "Seelenrätsel" von Rudolf Steiner oder "Die Grenzen der Seele wirst du nicht finden" von Reinhold Messner, um nur wenige zu nennen. Daniel Hell, Psychiater und Direktor der Psychiatrischen Klinik Burghölzli in Zürich, kommentierte seinen Buchtitel "Seelenhunger" folgendermaßen: "Der Mensch braucht das Verständnis seiner individuellen Persönlichkeit. Er darf nicht auf Hirnfunktionen reduziert werden." Die Verbuchungen der Seele sollen weitergeführt und die Titel regelmäßig in der Psychiatriezeitschrift Seelenpresse rezensiert werden.

NWZ - 03.02.2005

Der Doppelstuhl als Symbol der Tagung 2005

Doppelstuhl ersetzt Freudsche Couch. Christophsbad: Hundert Teilnehmer bei interdisziplinärer Tagung "Für eine Kultur der Seele". Mit Lesung und Fotoschau das Thema seelische Erkrankungen und Öffentlichkeit präsentiert.

Teilnehmer aus vielen Sparten tagten im Christophsbad für eine Kultur der Seele. So facettenreich wie die Thematik selbst war auch das Programm, das von A wie ärztlicher Amateurfotografie bis W wie "Weltende" reichte. Von Sandra Thurner

Frederic Chopin, Isaac Newton, Rainer Maria Rilke, Virginia Woolf, Jakob van Hoddis - sie und noch viel mehr Namen waren auf einer Postkarte in den Unterlagen für die Tagung im Christophsbad zu lesen. Was diese Menschen gemeinsam haben, ist auf der Kartenrückseite vermerkt: "Sie waren wegweisend für unsere Kultur und psychisch erkrankt." Auch der Göppinger Schriftsteller Gerd Kolter weiß, dass "die Grenzen der dichterischen Einbildungskraft und der Verrücktheit der Seele fließend sein können".

Kolter rezitierte in einem vollen Herrensaal ohne Mikrofon und mit kräftig-eindrücklicher Stimme Gedichte des expressionistischen Lyrikers Jakob van Hoddis. Gleich zweimal trug Kolter van Hoddis Gedicht "Weltende" vor, das ihn auf einen Schlag berühmt machte. Der Göppinger Literat hinterlegte die Poesie eines van Hoddis mit biografischen Auszügen, etwa seinem Aufenthalt als Patient im Christophsbad in den Jahren 1927 bis 1933 und Zitaten befreundeter Künstler wie der Lyrikerin Else Lasker-Schüler. Rolf Brüggemann, Tagungsleiter und Psychologe im Christophsbad, möchte den Menschen aber vor allem das Unspektakuläre der Psychiatrie näher bringen. Filme wie "A Beautiful Mind" oder "Einer flog über das Kuckucksnest" transportierten ein spektakuläres Bild, so Brüggemann. "Da wird die Psychiatrie ein Stück weit voyeuristisch missbraucht", gibt Brüggemann kritisch zu bedenken.

Die Darstellung der psychischen Erkrankung sei immer eine Gratwanderung, auch bei der Ausstellung der Fotografien früherer Patienten im Psychiatrie-Museum des Christophsbades. Brüggemann kann aber aus seinen bisherigen Erfahrungen nur Positives berichten: "Ich sehe dort wirkliche Betroffenheit und Interesse am Mitmenschen, der leidet." Zahlreiche Vorträge von Wissenschaftlern, Medizinern, Künstlern und Journalisten führten das Publikum zwei Tage in eine historisch eingebettete, facettenreiche und intensive Auseinandersetzung mit dem Thema seelische Erkrankungen und Öffentlichkeit. Dabei bedient sich das Christophsbad auch Symbolhaftem: So wie die Couch Symbol der Psychoanalyse gewesen sei, so sei der Doppelstuhl das Symbol einer anderen Haltung, einer Wandlung der Psychiatrie. "Der Stuhl ist nämlich so gebaut, dass sich Therapeut und Patient auf einer Ebene befinden können", erläutert der Psychologe. "Für ein therapeutisches Gespräch sei er in Wirklichkeit allerdings etwas zu eng, gibt Rolf Brüggemann schmunzelnd zu bedenken".

Eintrag ins Vereinsregister

Der Verein MuSeele ist seit Februar 2005 im Vereinsregister eingetragen und besitzt den Status der Gemeinnützigkeit.
Wir freuen uns sowohl über neue Mitglieder als auch über Spenden. Auf Ihren Wunsch senden wir Ihnen gerne die Satzung zu.

Hier können Sie eine Beitrittserklärung aufrufen und anschließend ausdrucken.
Die Beitrittserklärung schicken Sie dann bitte per Post an:
Rolf Brüggemann
Vorsitzender MuSeele e.V.
Faurndauer Str. 6-28
D-73035 Göppingen

Stuttgarter Zeitung - 31.01.2005

Der Doppelstuhl als Symbol der Tagung 2005

Die Psychiatrie soll salonfähig gemacht werden - Reden, diskutieren und lachen im Christophsbad: Der Verein Museele trifft sich zu einer ersten interdiszipliniären Tagung.

Die Gründung eines Psychiatriemuseums im Göppinger Christophsbad ist nur der erste Schritt gewesen. Mit seiner Tagung "Für eine Kultur der Seele" hat der Verein MuSeele jetzt wieder von sich hören lassen. Von Andreas Pflüger.

Wenn von einer interdisziplinären Tagung die Rede ist, dann klingt das zunächst einmal nach trockener Materie, nach unverständlichem Fachchinesisch und nach einem endlosen Redemarathon. Geredet worden ist in der Tat viel im Herrensaal des Göppinger Christophsbads, und natürlich gab es heiße Diskussionen auf den Gängen drum herum. Doch bei der 1. Interdisziplinären Tagung von "MuSeele" wurde auch viel gelacht. Mehr als 100 Besucher haben sich "Für eine Kultur der Seele" interessiert - Psychiater und Betroffene, Pädagogen und Lehrer, Therapeuten und Künstler, Psychologen und Studenten.

"Wir wollten mit dieser Veranstaltung ein breites Publikum erreichen", bilanzierte Rolf Brüggemann vom erst im Dezember gegründeten Verein Museele e.V. "Jetzt sind wir schon ein wenig stolz darauf, dass das geklappt hat", ergänzte der Psychologe, der am Christophsbad beschäftigt ist. Zwei Tage lang stellten acht Referenten ihre Arbeitsbereiche vor, mal wissenschaftlich, aber dennoch verständlich, mal packend und spannend, mal launig und heiter. "Letzlich ist es unser Ziel, die Psychiatrie salonfähig zu machen", sagte Brüggemann. Dazu brauche es dieses Zusammenspiel zwischen Kultur und Seele, dazu müsse man auch mal Schönes rüberbringen können und dürfen.

"Die Psychiatrie wird zwar seit Jahren selbstbewusster", betonte der Experte. Dennoch stehe sie aber nach wie vor in einem Spannungsfeld sowohl im Verhältnis zu ihrer Geschichte als auch zu den Medien und damit zur Öffentlichkeit. Der freiberufliche Autor Ludwig Janssen behauptete zum Auftakt der Tagung, dass die Psychiatrie die Öffentlichkeit braucht. Man müsse allerdings wegkommen vom einseitigen Blick, der die Themen Psychiatrie und Gewalt in einen Topf wirft. Berichtet werde meist nur bei Skandalen. "Dabei könnten die Medien sehr wohl eine wichtige Informationsfunktion, beispielsweise über Krankheitsbilder, erfüllen", sagte Ludwig Janssen.

Ausgesprochen resistenten Vorurteilen bediene sich die Filmindustrie, stellte Ilse Eichenbrenner von der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie klar. Nach den Worten Eichenbrenners ist die Psychopathologie auf der Leinwand zwar immer wieder ein Thema, oft aber im missbräuchlichen Sinne. "Ein Film muss neben den spektakulären Auswüchsen auch das Normale zeigen und sich auf eine Gratwanderung einlassen." Es folgten Beiträge über so genannte Irrenporträts durch Thomas Roeske von der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg und über das große Psychiatriemuseum Guislain im belgischen Gent durch dessen Direktor Patrick Allegaert. Beschlossen wurde der erste Teil der Tagung am Abend in der Göppinger Kunsthalle. "Dass dort zurzeit eine Ausstellung unter dem Titel 'Aufruhr der Gefühle' gezeigt wird, passte hervorragend in unser Konzept", sagte Rolf Brüggemann.

Nicht ganz so sicher war sich der Tagungsleiter mit einem Experiment zum Auftakt des zweiten Tages. Im Festvortrag spach Magnus Etzold über die Bedeutung des Magnetismus - einem Heilverfahren - für die Psychiatrie. Doch den vermeintlichen Prof. Dr. Dr. Etzold aus Havanna gibt es gar nicht. Ein Schauspieler schlüpfte in die Rolle dieser erdachten Kunstfigur und nahm die Heroenbildung innerhalb der wissenschaftlichen Disziplin gezielt aufs Korn. Das Publikum allerdings ließen die Verantwortlichen darüber im Unklaren. So entstand eine Melange aus Wahrheit und Lüge, wobei keiner der Gäste wusste, was an den Ausführungen des imaginären Professors falsch und was richtig ist. "Wir wollten nicht nur seriös sein", erläuterte Brüggemann die Idee. "Es wurde zwar viel gelacht, aber wir müssen trotzdem abwarten, wie das bei den Leuten angekommen ist."

Ernsthaft wurde es dann wieder bei den psychiatrischen Krankengeschichten, die der real existierende Tübinger Professor Albrecht Hirschmüller vortrug, sowie beim Referat von Helen Bömelburg über die Fotografie in der Psychiatriegeschichte. Eine Lesung des Göppinger Schriftstellers Gerd Kolter über den jüdischen Künstler und früheren Patienten des Christophsbads Jakob van Hoddis beendete die Tagung. Mit ihrem Verlauf war Leo Hermle mehr als zufrieden. Der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Christophsbad erweiterte deshalb sogar ein Zitat des italienischen Theologen und Philosophen Romano Guardini: "Für mich ist nicht nur die Depression, sondern die gesamte Psychiatrie viel zu schwer wiegend, als dass man sie nur den Psychiatern überlassen dürfte".