Impressionen aus dem MuSeele - Impressions Bild zum Vergrößern anklicken

NWZ und Geislinger Zeitung, 18. April 2009

Exponate geben Geschichten preis
Skulptur im Museele des Göppinger Christophsbads beschließt Serie

Viele Exponate haben ihre eigene Geschichte. Diese Serie hat besondere Museumsstücke vorgestellt. Den Schlusspunkt setzt das Museele des Christophsbads in Göppingen mit der Skulptur eines Patienten. IRIS RUOSS
Göppingen: Irgendwie beklemmend ist er schon, der Gang mit dem Vereinsvorsitzenden Dr. Rolf Brüggemann durch das Göppinger Museele, das die Geschichte der Psychiatrie sowie Psychiatriegeschichten zeigt. Gleich an der Eingangstür baumelt eine Zwangsjacke. Ein Krankenbett steht im Raum, es wird ein 50 Jahre alter Apparat zur Messung der Hirnströme gezeigt, gegenüber steht ein rotes Sofa, Bilder von Psychiatriepatienten hängen an der Wand. Bei der Frage nach dem ganz besonderen Exponat denkt Brüggemann nach. "Da haben wir viele", sagt er. Dann steuert er zielstrebig einen großen Schaukasten mit Schubladen an. "Unsere Kunstecke", erklärt der Arzt. Dann nimmt er sie vom Schaukasten, die kleine Skulptur aus Ton. "Das Werk eines Patienten", erklärt Brüggemann. Aus einem Klumpen Ton hat der Kranke einen Menschen geformt, der in gebückter Haltung sitzt und die Arme wie schützend um seinen Körper geschlungen hat. Nicht filigran, sondern grob gestaltet, mit einer grünen Lasur überzogen ist die menschliche Figur. "Diese Figur hat den Zugang zum Patienten eröffnet, ein Gespräch erst ermöglicht", erklärt Brüggemann. Der Patient ist längst entlassen, sein Kunstwerk hat Brüggemann aus einer Kiste gefischt, die entsorgt werden sollte. "Die Figur zeigt, dass hier nicht nur mit Gesprächen gearbeitet wird, sondern auch mit ganz anderen Therapieansätzen", erklärt der Mediziner. Kunst- und Gestalttherapie nennt er als viel versprechende Ansätze, um mit den Patienten in Kontakt zu kommen. Während des Gesprächs streicht Brüggemann mehrere Male über die Tonskulptur, fährt mit den Fingern an den Rundungen des Tonkörpers entlang, sinniert über die Psychiatrie gestern und heute. Dann stellt er das Ausstellungsstück zurück auf sein Podest, öffnet die Schubladen des Schrankes und zeigt mit kräftigen Farben gemalte Bilder - alles Werke von Patienten. Brüggemann öffnet den Deckel einer Holzkiste, die an einen Karteikasten erinnert. Ein Teddybär mit offenem Bauch kommt zum Vorschein. Im Bauch des Spielzeugbären stecken Rasierklingen. "Auch der Teddy erzählt eine Geschichte", erklärt Brüggemann. Das Stofftier erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens, das sich in der Klinik immer wieder mit Rasierklingen verletzt hat, von denen man nicht wusste, wo die Patienten sie herbekommen hat. "Erst viel später, als wir einen Zugang zu dem Mädchen hatten, haben wir herausgefunden, dass sie die Rasierklingen im Stofftier versteckt hatte", erklärt Brüggemann. Das Mädchen wurde jahrelang vom eigenen Vater missbraucht. Auch der Inhalt eines weiteren Kastens gibt eine Geschichte preis. Unmengen von Schlüsseln liegen darin. Sie sind Sinnbild für die Liebesgeschichte zwischen einer Krankenschwester und einer Patientin. Nicht unbedingt die alten Exponate sind es, die Psychiatrie und Psychiatriegeschichte verkörpern. Brüggemann: "Oft sind es kleine, unscheinbare Sachen, wie diese Skulptur, die Bände sprechen."

NWZ, 12. März 2009

Göppingen. Ziel des Vereins "MuSeele" in Göppingen ist es, Fehlurteile und Ängste gegenüber dem Thema "Psychiatrie" abzubauen. Jetzt startet der Verein - in Kooperationmit der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Uniklinik Tübingen, der Start-Klinik im Christophsbad, der SOS-Kinder- und Jugendhilfe sowie dem Struwwelpeter-Museum in Frankfurt - das Projekt "Struwwelpeter und andere irre Kinder". Die Ausstellung "Kinder und Jugendliche zeigen ihre Sicht der Welt" richtet sich vor allem an Betroffene, die aufgrund ihrer Eigenheiten und ihres Verhaltens Probleme in der Gesellschaft haben. Die "Aktion Mensch" beteiligt sich mit 17556 Euro an dem Projekt.

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